Freizeichen
Fast noch ein Kind

F. ist Schüler. Kaum 17 Jahre alt. Fast noch ein Kind. Er ist sozial engagiert. Ihn berührt das Leid anderer. Er macht ein Praktikum und arbeitet in der Großstadt mit obdachlosen Jugendlichen, verbringt mit ihnen die kalten Winternächte, trägt mehrere Pullover über einander und drei Paar Strümpfe. Er will ihnen zuhören und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Einmal machen sie alle zusammen einen Ausflug zu einem Toten, der seit zwei Wochen unentdeckt in der Großstadt liegt, irgendwo. F. findet keine Worte, um auszudrücken, was in ihm vorgeht.
Als er irgendwann nachts alleine am Stadtpark vorbeiläuft, hört er Schreie. Eine Frau ruft um Hilfe. F. ist 17 Jahre, fast noch ein Kind. Er will helfen. Es gibt Menschen, denkt er, denen hilft niemand. Er will nicht so einer sein. Niemals. Er horcht in die Nacht, um herauszufinden woher die Hilferufe kommen. Er geht los. In den schlecht beleuchteten Stadtpark hinein. Die Schreie kommen näher. F. sieht drei Männer, die eine Frau umstehen, die wie um ihr Leben schreit. Er läuft noch einige Schritte auf die Gruppe zu. Niemand bemerkt ihn. Als er nahe genug ist, schreit er so laut er kann. Die drei Männer erschrecken sich. Sie lassen für einen Moment von der Frau ab und schauen zu F. herüber. Die Frau nutzt die Gelegenheit und rennt weg, so schnell sie kann.

Jetzt sieht F., dass die drei Männer Messer haben. F. hat ihnen den Spaß verdorben. Sie sind sauer. F. kann nicht wegrennen. Er hat etwas Erfahrung mit Selbstverteidigung. F. wirkt auf die drei unerschrocken. Sie sind etwas betrunken. Wohl auch deshalb hat F. Glück und kann sie in die Flucht schlagen.
Er ist stolz und empfindet Erleichterung für sich als die handgreifliche Auseinandersetzung mit den Dreien beendet ist. Die eine Schnittwunde ist nicht tief, die andere nur ein Kratzer. Die Wunde kann er mit einem Taschentuch verbinden. Er will keinen Arzt und keine Polizei. Das hätte Kevin, einer der obdachlosen Jugendlichen, auch so gemacht. Grade 17 Jahre, fast noch ein Kind. Und drei schwarze Männer mit Messern nachts um 3.00 Uhr in die Flucht geschlagen.
Am anderen Morgen ruft er seine Eltern nicht an und erzählt ihnen nicht die ganze Geschichte. Er will später anrufen, irgendwann, denkt wie stolz sie auf ihn sind, obwohl sie eigentlich immer nur wissen wollen, ob es ihm gut geht. Hast Du Dich verletzt, fragt der Vater besorgt? Warst Du beim Arzt? Hast Du gegessen, will die Mutter wissen. Was hat die Polizei gesagt? Brauchst Du etwas? Nein, danke, sagt F., ich brauche nichts. Ich muss jetzt Schluss machen. Er hört noch wie die Mutter sagt, dass er auf sich aufpassen soll. Dann legt er auf und lächelt etwas. Als das Freizeichen zu hören ist, fragt der Vater noch schnell, wann kommst Du? Er hält den Hörer in der Hand und zögert einen Moment. Er schaut nach seiner Frau. Eine Träne rollt ihm über die Wange. Sie sind nicht stolz auf ihren Sohn, sie haben Angst um ihn. Und wie lange hat er jetzt schon nicht mehr angerufen?

Über Mich

"Mich" ist ein Pseudonym. Alle mit diesem Pseudonym gekennzeichneten Beiträge GEBEN NICHT DIE MEINUNG DER ANSTIFTER und oft sogar noch nicht einmal meine eigene Meinung WIDER.