Weihnachten
Entschuldigung

Es ist noch Zeit. Ich suche einen freien Platz. Etwas weiter vorn warten die Leute nicht so gedrängt. Ich setze mich in die Nähe eines jungen Mannes. Er ist schlank, trägt einen gepflegten Vollbart, hat seinen Mantel auf den Sitz zwischen uns gelegt und liest.
Mein „Reisefieber“ legt sich, ich werde ruhiger, lege mein iPad auf meinen vor mir aufrecht stehenden, kabinengeeigneten Rollkoffer und nehme mir noch einmal den Text vor, den ich heute morgen aus der Zeitung kopiert habe.
In „Das Fest als Chance“ kommentiert eine Frau aus Anlass des bevorstehenden Weihnachtsfestes die geopolitische Lage des noch nicht ganz vergangenen Jahres mit folgenden Worten:
„Was für ein grauenvolles und furchterregendes Jahr 2016 liegt hinter uns. Beinah kein Tag ist vergangen, an dem wir uns nicht gefragt haben, ob es jetzt noch schlimmer kommen kann. Und es ist immer noch schlimmer gekommen. Die politischen Erschütterungen durch den Brexit, die Wahl Donald Trumps und das Erstarken populistischer Bewegungen in ganz Europa gehen einher mit Kriegen und dem Beiseiteräumen demokratischer Standards und Gewissheiten.“
Anschließend beschreibt sie die psychischen Auswirkungen, die diese ‚geopolitischen Tragodien‘ weniger bei den unmittelbar Betroffenen und mehr bei „uns“ – wer auch immer damit gemeint ist – haben.
“ Wir können uns die Welt ganz offensichtlich nicht mehr auf Distanz halten. Das Grauen ist ein globales. Und wir sind mittendrin.(…) Alle miteinander ahnen wir, dass wir mit unseren Kräften sorgfältig haushalten müssen, um über die Runden zu kommen.“
Die Autorin ist Journalistin der Stuttgarter Zeitung ohne syrische Wurzeln und ohne korresponsale Verpflichtungen im Nahen Osten. Sie schreibt ihre Kolumne zuhause auf ihrem Laptop, hat fast alle Weihnachtsgeschenke beisammen und wird, so nehme ich an, ein „normales“ Weihnachtsfest begehen. Ihre private und berufliche Situation ist mehr oder weniger gesichert, weshalb sie in der Welt das glückliche Los der Zuschauerin gezogen hat, aus dem sich ein wertvolles Privileg ableiten läßt: die besagte „geopolitische Lage“ KANN ihr egal sein; sie ist gut situiert genug, um das entscheiden zu können.
Was geht aber in der Dame vor, wenn sie sich ganz anders darstellt und schreibt, „dass wir mit unseren Kräften sorgfältig haushalten müssen, um über die Runden zu kommen“? 
Als bemühe sie sich, ihre eigene, gesicherte Existenz, in der sie zwischen verschiedenen Stufen der Betroffenheit WÄHLEN KANN, gleichzusetzen mit der Situation der Betroffenen. Sie schreibt deshalb:
„Es geht an die physische und psychische Substanz. Es zehrt die Kräfte (…) auf, wenn selbstverständlich geglaubte zivilisatorische Errungenschaften (…) plötzlich auf dem Prüfstand stehen. Wenn sich vor unseren Augen das syrische Aleppo in eine Ruinenstadt mit unzählbar vielen toten Zivilisten verwandelt.“
Nicht Opfer und Täter werden hier miteinander verwechselt, sondern kaum beschreibbares Leid mit weihnachtlicher Gefühls-Journalistik, subjektive, emotionale Betroffenheit mit objektivem Betroffensein. Aus den zu unterscheidenden Redewendungen ‚es macht mich betroffen‘ und ‚ich bin betroffen‘ macht die Autorin ein ‚ich mach mich betroffen‘ und verleiht dem Ganzen das gehörige Gewicht durch den majestätischen Plural des ‚wir machen uns betroffen‘ im Sinne von ‚wir sind betroffen‘. Wie anders sollten aus Krisenflüchtlingen Flüchtlingskrisen werden. Es ist die Krise, die „uns“ vereint und aus unserem „halben Leid“  doppeltes macht. 
Das ist populistisch und muss nicht postfaktisch sein, um wenig mit der Realität zu tun zu haben. In gelehriger Manier oder besser ‚manirierter Gelehrsamkeit‘ kritisiert die Autorin in ihrem Text das „Erstarken populistischer Bewegungen in ganz Europa“ bemerkt das populistische Moment in ihrer eigenen Argumentation aber nicht. Nur haarscharf kommt sie an einer Feststellung vorbei, die da lauten könnte
‚Ja, Sie haben bei dem Bombenangriff Haus und Eltern verloren? Nun, unser Weihnachtsbraten dieses Jahr war auch nicht wie sonst.‘
So wenig wie die Autorin in der Beschreibung ihres psychischen Leidens ihre Priviligiertheit berücksichtigt oder gar gegenüber Lebenssituation, die nur noch als barbarisch charakterisiert werden können, wertschätzt, so wenig bemüht sie sich in ihre Einschätzung der Weltlage das kolumbianische Friedensabkommen – der diesjährige Friedensnobelpreis -, die Wahl eines liberalen, europafreundlichen Präsidenten in Österreich oder den Umstand einzubeziehen, dass ihr Brexit äußerst knapp und ihr Trump von einem veralteten Wahlsystem und nicht von einer Mehrheit gewählt wurde. Und welche anderen Konfliktherde gibt es, in denen es hergeht wie in Aleppo? Nicht so viele. Ganz anders als, sagen wir, vor 100, vor 70, vor 50 und vor 30 Jahren. 
Die Kolumne mit dem Titel „Das Fest als Chance“ gefällt mir nicht. Auch deshalb weil die Autorin Hilke Lorenz das Leid als Leid nicht einfach Leid ist, sondern es als etwas heranzieht, das nicht nur für sich, sondern auch für etwas anderes steht. Das Leid wird erhöht. Es ist nicht mehr „nur“ Leid, es bekommt eine bemüht bereichernde Bedeutung, es hat einen Sinn, denn es macht uns sensibler. Wohl nur deshalb schließt Hilke Lorenz ihren Artikel – wieder mit dem majestätischen Plural – und der Behauptung, dass „wir (…) gerade in Krisenzeiten (…) empfänglich für noch so kleine Gesten der Stärkung und des Miteinanders“ werden.
Dann ist die Durchsage am Flughafen zu hören, dass alles bereit zum Einsteigen ist. Mein Nachbar, der gepflegte junge Vollbartträger, und ich stehen gleichzeitig auf und räumen unsere Sachen zusammen. Als er seinen Mantel mit einer weit ausholenden Bewegung anzieht, streift das leere Ärmelende leicht meinen Kopf. Er entschuldigt sich. Und ich auch.

(P.S. : Nicht die Krisengebiete auf der Erde sind heutzutage das Problem – so viele gibt es nicht – sondern der mediale Umgang mit ihnen, der Eindruck, den gelangweilte Verleger und verlegene Regierungen in der Bemühung um mehr Leser- und Wählerinnen meinen vermitteln zu müssen. Andererseits ist es unter solchen Umständen nicht einfach zuzugeben, dass „wir“ auch unterhalten werden wollen.)
 

Über Mich

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Ein Gedanke zu „Weihnachten: Entschuldigung

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