Premiere
Die Geträumten

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Als der Film zu Ende ist, gibt es Applaus. Die Regisseurin ist anwesend, der Moderator tritt nach vorne. Vielen Dank, sagt er, der Film hat also gefallen. Gibt es Fragen oder sollen wir hier erst einmal etwas erzählen? fragt er. Nach einem kurzen Zögern gibt es viele Fragen, von Zuschauern und Zuschauerinnen, die den Film immer auch sehr loben. Erwähnt wird die Originalität, die Reduzierung, die Klarheit. Die Regisseurin freut sich, nimmt das Lob gerne entgegen und beantwortet freundlich alle Fragen.
Am Schluss wird die Stimmung etwas getrübt. Ein Mann fragt in einem etwas überheblichen Ton, wie man so einen schlechten Film machen kann. Ob das Budget des Films so gering war, dass man sich kein Stativ hat leisten und die Maske die Krümmel im Gesicht des jungen Mannes nicht hätte besser entfernen können. Und warum von der „Tiefe“ der Beziehung der beiden Briefeschreiber Paul Celan und Ingeborg Bachmann nichts auf der Leinwand zu sehen war. Oh, das ist ja schade, antwortet die Regisseurin, dass wir jetzt so aufhören. Aber wenn sie den Film so schlecht fanden, warum sind sie denn dann nicht gegangen? Der Mann entschuldigt sich ein wenig und meint, dass nach so viel Lob es doch hoffentlich nicht zu viel war etwas Kritik zu äußern. Nein, nein, sagt der Moderator, das sei schon in Ordnung. Dann gibt es noch ein, zwei Fragen und Anmerkungen und dann ist der Kino-Abend vorbei.
Wir sind zu dritt. Wo gehen wir noch hin?, fragt B. . Ins V.? Okay. Uns dreien hat der Film nicht gefallen. Überhaupt nicht.
Ruth Beckermann, die Regisseurin, ist Österreicherin. ‚Die Geträumten‘ war nicht ihr erster Film. Ganz im Gegenteil. Sie hat eine langjährige Erfahrung als Dokumentarfilmerin, hat an der Universität Salzburg, der University of Illinois at Chicago und der Universität für angewandte Kunst Wien unterrichtet und kann, alles in allem, eine beeindruckende Vita vorweisen.
In ‚Die Geträumten‚ behandelt sie den Briefwechsel zwischen dem Dichter Paul Celan und der Dichterin Ingeborg Bachmann, die sich in den späten 1940er Jahren in Paris kennenlernen. Es sind gut 20 Jahre, die ihre Beziehung dauert. Sie endet mit dem Tod Celans, dessen Leiche 1970 aus der Seine geborgen wird. Selbstmord. Drei Jahre später stirbt auch Ingeborg Bachmann. In Rom. Ein Unfall. Sie schläft ein mit einer brennenden Zigarette.
Eine Idee von der Haltung Ruth Beckermanns zu ihrem Projekt, das übrigens auf dem österreichischen Festival Diagonale 2016 als bester Spielfilm ausgezeichnet wurde – auf demselben Festival erhielt Michael Haneke 2006 diese Auszeichnug für Caché – deutet die mit dem Tod Bachmanns wohl in einem Zusammenhang stehende Äußerung an, dass sie froh war, dass beide Darsteller – Achtung! – eingefleischte Raucher sind. Und tatsächlich rauchen Anja Plaschg – in der Rolle der Ingeborg Bachmann – und Laurence Rupp – als Paul Celan – im Film recht oft. Vor allem in den mitgefilmten „Drehpausen“, auf der Treppe, im Flur, in der Cafeteria.
Die Analogie, die alles andere als eine kreative/künstlerische Form ist, weil sie nur wiederholt, zieht sich durch den gesamten Film: Plaschg und Rupp haben etwa das Alter, das Bachmann und Celan hatten, als sie sich zu ersten Mal trafen; zwischen den Darstellern deutet die Regisseurin etwas wie eine sich anbahnende Liebe an; Plaschg und Rupp stellen sich selbst so dar, als verstünden sie die Gefühle ihrer beiden „Verkörperungen“ oder empfänden sie sogar.
Mit diesem Analogiekomplex geht ein zweiter Komplex einher, der sich wieder dadurch charakterisieren läßt, dass Beckermann, die Regisseurin, viel zu passiv bleibt, um von einem bestimmten Standpunkt aus Sinn und Bedeutung zu schaffen: einen Briefwechsel zu verfilmen heißt mindestens, so scheint Beckermann zu glauben, ihn vorzulesen. Um ihn vorzulesen, benötigt sie neben den Sprechern ein Studio. Was filmt sie also? Genau das: die Arbeit von zwei Sprechern in einem Studio – und Anja Plaschg und Laurence Rupp lesen wirklich nicht schlecht, aber Schauspieler sind sie nicht. Was ihnen fehlt, fehlt dem gesamten Film.
Im V. teilen wir uns eine eine Pizza und ein Tiramisu. B. sagt, dass sie in gewisser Weise mit Ingeborg Bachmann aufgewachsen sei. Sie kommt auf das Rauchen zu sprechen. Sie selbst habe eine zeitlang Zigarre und Pfeife geraucht. Sie erklärt, dass das Rauchen für Bachmann in einer Zeit, in der Frauen in der Öffentlichkeit noch eher selten rauchten, eine Art der Befreiung darstellte. Rauchen ist für eine Frau heute keine „Befreiung“ mehr. Wenn Anja Plaschg in der Rolle von Ingeborg Bachmann also raucht, hat dies nicht nur nicht die insinuierte Bedeutung, sondern ist der Charakterisierung des Vorbildes sogar abträglich: denn die Form erscheint ohne Inhalt. Statt der „Befreiung“ zeigt die Regisseurin nur das Rauchen. Aufgabe einer Regisseurin wäre es aber, den Inhalt – die „Befreiung“ – zu retten und sich um eine neue Form zu bemühen.
War die Liebe zwischen Bachmann und Celan eine rein platonische, frage ich B.? Das kann man in der Beziehung der beiden so nicht sagen. Man muss sich darüber im Klaren sein, was Ingeborg Bachmann und Paul Celan für Personen waren, welche Bedeutung Sprache, Worte, Sätze für sie hatten. Das war nicht bloße Lektüre, Unterhaltung, Zeitvertreib. Wenn Celan Bachmann anfleht, dass sie ihm ein Wort geben solle, dann wird darin etwas deutlich, was man in gewisser Weise und in einer biblischer Tradition als Fleischwerdung der Sprache bezeichnen muss. Der Unterschied zwischen fleischloser, platonischer Liebe und der körperlichen, fleischlichen Liebe wird damit einerseits unbedeutender. Andererseits erhält die Sprache, das Gedicht und der Briefwechsel von zwei Personen wie Paul Celan und Ingeborg Bachmann eine für den Laien nur erahnbare Dimension, mit der der Film ‚Die Geträumten‘ bis auf Analogien, Wiederholungen und gute Absichten ganz und gar nichts zu tun hat.
Der Mann, der im Anschluss an den Film am Ende der Fragerunde in etwas überheblicher Weise danach gefragt hat, wie man so einen schlechten Film drehen könne, war ich. Zugegebenermaßen war mir in jenem Moment aber noch nicht klar, was das eigentliche Problem war. B. meinte nur, dass dem Film einfach der Grand Canyon fehlte.

Die Premiere DIE GETRÄUMTEN in Anwesenheit von Regisseurin Ruth Beckermann fand statt am Mo 31.10. um 19:30 Uhr im atelier am bollwerk
Moderator des Abends war Peter Erasmus, der Betreiber des Kinos.

Über Mich

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2 Gedanken zu „Premiere: Die Geträumten

  1. Lustig, dass jemand aus einem politischen Kontext heraus ausgerechnet einem Film geringes Budget vorwirft. Und: alles beim Namen nennt außer sich selbst:)

    1. Hallo! Dem Film wird ja grade nicht (nur) vorgeworfen ein geringes Budget zu haben. Der Vorwurf geht mehr in den Bereich fehlender Kreativität – Stichwort „Analogie, Wiederholung, ..“ – und deutet die Überlegung an, dass man als Dokumentarfilmerin vielleicht doch keine synthetischen Filme machen sollte. Und was meinen Namen angeht: dieser wird doch deutlich im Kopf des Beitrags genannt. Nichts für Ungut! Gruß, Mich.

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