60 Prozent

Wir kamen grad aus dem Kino und hatten einen südamerikanischen Film gesehen. Die S-Bahn war nicht sehr voll und im hinteren Bereich fanden wir zwei Bänke, auf denen wir drei Platz hatten und uns gemütlich über den Film unterhalten konnten. C. und L. saßen mir gegenüber. In Fahrtrichtung. Neben mir saß ein junger Mann. Anfang bis Mitte zwanzig. Gepflegt. Indischen oder arabischen Ursprungs. Er war mit seinem Smartphone beschäftigt, hielt die ganze Zeit den Blick gesenkt, schaute auf den kleinen Bildschirm und hatte die Kopfhörer im Ohr. Nachdem ich das erste Mal danach geschielt hatte, was der junge Mann denn da schaute, konnte ich mich nicht mehr auf unser Gespräch konzentrieren. C. und L. merkten das und gaben mir mit Blicken zu verstehen, dass ich nicht so auf das Smartphone meines Sitznachbarn schauen sollte. Ich konnte aber nicht anders. Plötzlich schellte sein Telefon. Ich kann nicht sagen in welcher Sprache sich die beiden unterhielten. Der kleine Monitor auf seinem Schoß hatte sich geändert. Angezeigt wurde ein längerer Vorname und ein kürzerer Nachname. Mit Bild.Ich erinnere mich nicht mehr an den Ton der Unterhaltung. Sie dauerte aber auch nicht lange. Bis zum Ausstieg fehlten uns noch sechs oder sieben Stationen. Nach dem Telefonat kehrte mein Sitznachbar wieder zurück zu seinem Film, auf dem ich lauter Menschen mit Turbanen und orientalischem Aussehen sah. Manche Personen kamen mir bekannter vor. War einer nicht der frühere Präsident des Irans, Rafsandschāni? Die grünunterlegten Untertitel waren mir auch nicht ganz fremd. Und dann der? Ayman al-Zawahiri? Der Nachfolger Bin Ladens bei Al-Qaeda?

Ich war froh als wir end-lich ausstiegen.

Was hast Du denn die ganze Zeit auf das Handy geguckt, wollte L. wissen? Ich erzählte ihr, was ich gesehen hatte. Bist Du sicher?, fragte sie etwas verstört. Zu 60%?, antwortete ich. Aber das heißt doch gar nichts, mischte sich C. ein. Doch, entgegnete ich, irgendwie schon. Ja gut, mit 60% würde ich den Typen nicht gleich anzeigen, aber ehrlich gesagt wäre ich gerne zwei, drei Stationen eher ausgestiegen.

Über Mich

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