Deutscher Pazifismus

In der Süddeutschen Zeitung von gestern (Seite 2; „Aussenansicht“; 14.07.2014) veröffentlicht der Freiburger Historiker Heinrich August Winkler eine interessante Stellungnahme zu den Auslassungen von 67 ostdeutschen Pfarrern in Bezug auf eine Rede des Bundespräsidenten, in der es um den Einsatz der Bundeswehr im Ausland geht. ‚Deutschland müsse im Kampf für Menschenrechte an der Seite der Unterdrückten stehen und in diesem Kampf sei es manchmal erforderlich‘, so Gauck, ‚zu den Waffen zu greifen, ..um Verbrecher oder Despoten … zu stoppen. Ein Einsatz militärischer Mittel könne aus diesem Grund nicht von vornherein ausgeschlossen werden.‘ Winkler weißt darauf hin, dass Gauck das sagt, was der Weltgipfel der UN im Jahr 2005 unter dem Stichwort der Schutzverantwortung beschlossen hat. Eine Abwendung hiervon, so Winkler, käme einer Abwendung von den Vereinten Nationen und einer Herauslösung aus dem transatlantischen Bündnis gleich. Diese Westbindung, so der Freiburger Historiker, zeichne die Bundesrepublik aus und sei in den 1950er Jahren mühevoll gegen die tonangebenden deutschen Eliten durchgesetzt worden. „Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hatten (sich diese Eliten, unter ihnen die führenden Männer der evangelischen Kirche) gegen die …Ideen der unveräußerlichen Menschenrechte und der Volkssouveränität zur Wehr gesetzt.“ Den westlichen Werten der Aufklärung wurden Volksgemeinschaft, starker Staat und deutscher Sozialismus entgegengestellt. „Der Höhepunkt dieser deutschen Auflehnung gegen den Westen war die Herrschaft des Nationalsozialismus“, so Winkler. Ohne dessen Niederlage im zweiten Weltkrieg hätte der Bruch mit der anti-westlichen Tradition nicht stattfinden können und eine Mitgliedschaft in der EU oder der Nato wären unmöglich gewesen. Was von den 67 Pfarrern und vielen ihrer Unterstützer also infrage gestellt wird, ist nichts anderes als die mühevoll gegen reaktionäre Kräfte durchgesetzte Westbindung Deutschlands. In gleichem Maße wie sich die 67 Pfarrer von ihren obrigkeitshörigen Vorgängern in der Zeit vor 1945 abzuheben meinen“ und „sich selbst als Demokraten fühlen“, in gleichem Maße ist ihnen „der westliche Werte-Universalismus fremd geblieben“, „an dessen Spitze der Gedanke der allgemein gültigen Menschenrechte“ steht, so Winkler. „Ihr fundamentalistischer Protest … trägt in seinem Innerlichkeitspathos sehr deutsche Züge und macht sie den national gesinnten Pastoren der wilhelminischen Zeit ähnlicher, als ihnen bewusst ist“. (bh)

Über Mich

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Ein Gedanke zu „Deutscher Pazifismus

  1. Herr Winkler hat drei für ihn unerschütterliche Axiome, die zu seiner Kritik an dem Protest der 67 Pfarrer führen:
    Erstens der Gegensatz von christlichen (er nennt sie „fundamentalistischen“) und westlichen Werten. Die westlichen Werte beruhen ganz wesentlich auf den christlichen.
    Zweitens der Gegensatz von (christlicher) Friedensbotschaft und den Werten von politischer Freiheit und Menschenrechten. „Frieden“ ohne politische Freiheit und Menschenrechte entspricht eben gerade NICHT der pazifistischen Idee. Frieden zu schaffen durch Truppeneinmarsch und den „Gegnern“ ihre Freiheiten und Rechte zu nehmen, widerspricht vielmehr den eigenen westlichen Idealen.
    Drittens die Mitgliedschaften in NATO, EU und UNO verpflichteten per se zur Teilhabe an militärischer Gewalt. Wenn dem so wäre, würde eine atlantische, europäische oder Weltregierung eine Diktatur ausüben. Undemokratischer ginge es nimmer. Gerade Freiheit und Demokratie werden durch nichts so in Frage gestellt wie durch den Einsatz militärischer Gewalt.

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