Was für ein Theater
Waisen

In der vergangenen Woche fand die letzte Aufführung des Stücks „Waisen“ im Stuttgarter Studiotheater statt. Mit dem Stück von Dennis Kelly in der Regie von Benjamin Hille hat der Intendant Christoph Küster eine gute Wahl getroffen.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Helen (Jördis Johannson) und ihr jüngerer Bruder Liam (Arlen Konietz) sind Waisen. Helen ist mittlerweile verheiratet. Mit Danny (Martin König). Danny ist ein anständiger Mensch. Zumindest ist er darum bemüht, denn das Leben in ihrem Stadtteil ist nicht immer einfach.
Eines Abends steht Liam vor der Tür. Blutverschmiert. Er sagt, er habe jemandem geholfen, der wohl überfallen worden war. Danny will die Polizei rufen, Helen bittet ihn, das doch mit Rücksicht auf ihren vorbestraften Bruder zu lassen. Was Liam zuerst als Akt mitmenschlichen Beistands darstellt, entpuppt sich bald als ein an einem wehrlosen Fremden von Liam selbst begangenes, brutales Gewaltverbrechen, an dem sich Danny, gedrängt durch seine Frau, schließlich sogar mitschuldig macht.

Das 2009 unter dem Titel „Orphans“ vom Birmingham Repertory Theatre uraufgeführte Stück hat nur sehr schwache zeitliche oder geographische Bezüge. Es könnte genauso in Nordamerika zu Anfang des 20. Jahrhunderts spielen wie 100 Jahre später in Frankreich, Ungarn oder Südafrika oder überall dort, wo eine moderne Industriegesellschaft die emotionalen Bindungen seiner Individuen oft gegen deren Willen und Interesse „mitgestaltet“. Verfehlt ist es deshalb nicht, den Autor in einem Atemzug zu nennen z.B. mit Arthur Miller (Tod eines Handlungsreisenden), Rafael Spregelburd (Wachtraum) oder Nigel Williams (Klassenfeind).

Als Regisseur läßt Benjamin Hile an der beschriebenen Allgemeingültigkeit des Theaterstücks keinen Zweifel. Nicht zuletzt auch dadurch, dass seine Inszenierung sehr stimmig ist.
Um so mehr überrascht es, dass der Regisseur im dem etwas rachitisch daher kommenden Programmheftchen meint seine Arbeit dadurch aufwerten zu müssen, dass er Bezüge zu 9/11, dem Irakkrieg, der Achse des Bösen, Drohnen und der NSA herstellt. Ziemlich abwegig wird es, wenn im Zusammenhang mit dem Attentat auf das World Trade Center zwar von einer „skrupellosen Gruppe“ gesprochen wird, aber nicht die Attentäter, sondern die Politiker gemeint sind. Auf die Spitze treibt es der Regisseur, wenn er phantasiert, dass die im Stück thematisierte „Verwaisung im bundesdeutschen Maßstab“ unter anderem „für das Fehlen positiver Elternfiguren“ stünde. (bh)

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