Polemik
Warum ich gegen Streiks im öffentlichen Dienst bin

Ein streikender Bäckergeselle streikt nicht gegen die Brötchen, die er backen soll; die Beschäftigten eines Reifenherstellers streiken nicht gegen Autoreifen, die sie herstellen sollen; die Programmiererinnen streiken nicht gegen ihre Computer, mit denen sie ihre Arbeit tun.

Alle diese Lohnabhängigen streiken gegen die Besitzer ihres Unternehmens, das sie ihrer Meinung nach nicht korrekt entlohnt. Für das Unternehmen ist ein Streik eine unangenehme Sache, weil ein Streik die Herstellung von Waren, die verkauft werden sollen, unterbricht. Wenn ein Unternehmen nichts herstellt, verkauft es auch nichts und macht weniger Umsatz. Außerdem läuft ein bestreiktes Unternehmen Gefahr, dass Kunden verlorengehen, weil sie statt bei A nun ihre Waren bei B kaufen.

Der öffentliche Dienst, der in Kindertagesstätten, Straßenbahnen, Krankenhäusern, Schwimmbädern stattfindet, stellt keine Waren her, sondern geht direkt mit Menschen um. Bei einem Streik wird nicht die Produktion von Waren unterbrochen, sondern eine öffentliche Dienstleistung: Kindertagesstätten und Schwimmbäder bleiben geschlossen, Straßenbahnen und Busse fahren nicht mehr. Unangenehm ist das nicht für die “Unternehmer”, sondern für die Menschen, die diese Dienstleistungen nutzen (müssen); Streik in Kindertagesstätten geht vor allem zu Lasten von Kindern. Darüber hinaus ist es der quasi-monopolistische Charakter des öffentlichen Dienstes, dass es keinen Markt gibt und ein Ausweichen der von dem Streik betroffenen Menschen auf andere Angebote nicht möglich ist. Bei einem Streik macht der öffentliche Unternehmer zwar auch weniger Umsatz, der Umstand aber, dass öffentliche Dienste zu einem großen Teil subventioniert werden, relativiert dies stark.

Weil der öffentliche Dienst innerhalb einer Gesellschaft auch eine soziale Komponente hat, hat der Streik in diesem Bereich auch unsoziale oder asoziale Züge. Deutlich wird dies auch in einem anderen Zusammenhang: in der Öffentlichkeit suchen die Streikenden weniger den persönlichen Kontakt zum Beispiel zu den unter dem Streik leidenden Menschen. Sie gehen vielmehr dem Drang nach, noch mehr auf sich aufmerksam zu machen. Drehratschen, Rolltröten, Trillerpfeifen und Megaphone bilden die Soundkulisse dieser kommunikativen Einfaltspinselei – der bei entsprechenden Gelegenheiten anzutreffenden Uniformierung, dem Vor- und Nachbrüllen von Parolen möchte ich hier nicht weiter nachspüren.

Im Gegensatz zu der im Titel dieser kleiner Polemik formulierten Haltung, bin ich eigentlich nicht richtig gegen Streiks im öffentlichen Dienst. Ich persönlich habe mich nur sehr geärgert, als ich neulich wegen der nicht fahrenden Straßenbahnen nur mit großer Mühe mein Schwimmbad erreicht habe und dort dann auch noch feststellen musste, dass auch dieses bestreikt wurde und geschlossen hatte. (bh)

Über Mich

"Mich" ist ein Pseudonym. Alle mit diesem Pseudonym gekennzeichneten Beiträge GEBEN NICHT DIE MEINUNG DER ANSTIFTER und oft sogar noch nicht einmal meine eigene Meinung WIDER.

2 Gedanken zu „Polemik: Warum ich gegen Streiks im öffentlichen Dienst bin

  1. Natürlich streikt der Bäckergeselle – oder der Fließbandarbeiter – auch gegen die Brötchen, die Mehl und Wasser und Chemie bleiben müssen, statt ihrer Bestimmung zugeführt zu werden: hamham vorn rein und hintenraus.
    Wann kümmert sich denn irgendeine Mutter, von den Vätern ganz zu schweigen, um die Arbeitsbedingen in den Einrichtungen? Die miesen Löhne gehen doch den meisten Eltern am Arsch vorbei, ebenso mangelnde Ausstattung in Bildungseinrichtungen oder menschenverachtende (Arbeits-)Bedingungen im Gesundheits-wesen! Wer vor einer geschlossenen Kita oder einem Schwimmbad
    steht, kann sich doch freuen: Endlich mal raus aus dem Rhythmus,
    Organisationstalent beweisen, Kreativität – all das, was man sonst
    als Lohnabhängiger dem Arbeitgeber opfert, kommt diesmal dem Kind zugute. Und was den Lärm ans dummen Dröhten angeht –
    keine Sau regt sich doch auf, wenn täglich 25 000 Autos am Spielplatz vorbeidonnern oder wenn Keuchhusten ausbricht, weil
    so gut wie nix gegen Feinstaub getan wird. Lieber BH: Lass‘ die Kirche im Dorf (aber geschlossen), die Leut‘ sollen daheim beten.
    Peter Grohmann

    1. Wenn es denn so einfach wäre, dass die Angestellen in der Privatwirtschaft einfach mal für höhere Löhne gegen ihren Arbeitgeber streiken könnten, weil der Angst hat, dass die Kundschaft zur Konkurrenz geht. Dann müssten ja Amazon, Lidl und Aldi die reinsten Gewerkschaftsparadiese sein. Sind sie aber nicht, weil diese beiden Firmen genau wissen, wie sie das verhindern können und die Konkurrenz unter den Angestellten und bzgl. Arbeitslosen ausnutzen.
      Abgesehen davon schöner Text: mit der versöhnlichen Pointe, dass manchmal das individuelle Vergnügungsbestreben hinter einer kollektiven Lebensstandardverbesserungsmaßnahme zurückstehen musste.

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