Brüderchen und Schwesterchen

Eine Bar in einem Hotel. Vielleicht Berlin? Mitternacht. Ein bekannter Politiker, eine nicht so bekannte Journalistin. Gelegenheit für ein Gespräch über die Situation einer Partei, die es nicht leicht hat. Führungsansprüche, Machtkämpfe, schlechte Umfragen, kritische Wahlergebnisse.

– Guten, Abend! Darf ich fragen, ob Sie sich durchsetzen konnten?
– Sie sind Journalistin?
– Ja.
– Erlauben Sie mir Ihnen erstmal ein Kompliment zu machen. Es ist nicht normal um diese Zeit an Orten wie diesen eine so schöne Frau wie Sie zu treffen. Wunderschön! Darf ich Ihnen die Hand küssen.
– Darf ich fragen, was Sie heute besonders beschäftigt hat?
– Was mich beschäftigt HAT, kann ich gar nicht mehr sagen. Jetzt beschäftigen Sie mich. Mögen Sie Dirndl? So ein Kleid würde Ihnen vorzüglich stehen. Und mit Ihrer Körbchengröße würde Sie es auch ganz reizend ausfüllen – wenn Sie verstehen, was ich meine. Darf ich Sie zu einem Glas Wein einladen?
– Nein, danke. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Parteivorsitzenden?
– Ganz ausgezeichnet. Ein Dirndl würde Ihnen ganz ausgezeichnet stehen. Wohnen Sie auch hier im Hotel?..

So oder ähnlich wird sich das Gespräch zugetragen haben. Ein Gespräch zwischen zwei erwachsenen Personen in einer neutralen Umgebung. Keine der beiden ist der anderen irgendwie verpflichtet. Beide verfolgen unterschiedliche Interessen, deren Durchsetzung am jeweils anderen scheitert. Und nur daran.
Einen Nutzen aus dem Gespräch zieht, wie es scheint, nur die Frau. Sie schreibt in der bekannten Illustrierten einen Text über die nächtliche Begegnung mit dem bekannten Politiker. Sie, die selbstbewußte Journalistin, macht sich zum Opfer männlicher Respektlosigkeit und wird anschließend in eine Reihe mit Sekretärinnen, Sachbearbeiterinnen, Arbeiterinnen, Angestellten und Managerinnen gestellt, die von ihrem Vorgesetzten anzügliche Bemerkungen aushalten, weil sie um ihre Arbeitstelle fürchten. Dass diese Vergleiche hinken, stört nicht. Während es hier ein Abhängigkeitsverhältnis gibt, dass sexuelle Anspielungen zum Himmel stinken läßt, wundert es mich, dass die junge Journalistin dort – in der Bar des Hotels – den bekannten Politiker nicht einfach abblitzen läßt. Bevor Sie Bemerkungen über meine Körbchengröße machen, sollten Sie sich erstmal die Zähne putzen. Der Text, der dabei herausgekommen wäre, wäre sicher nicht weniger lesenswert gewesen. Aber die Entscheidung darüber, hat leider nicht die junge Journalistin getroffen, sondern wahrscheinlich ihr Ressortchef. (bh)