Leserbrief Bezug
Stuttgarter Zeitung, Die Brücke zur Welt, 26. Januar 2013 DIE MACHTERGREIFUNG WAR KEIN KONJUNKTURPROGRAMM, von Werner Birkenmaier

Herr Birkenmaier gehört vermutlich zu jener Generation, die den Begriff der „Machtergreifung“ als Mitgift von (höherer) Schulbildung aus den 50er Jahren als selbstverständlich weiterreichen. Ich zitiere dagegen ein Unterrichtswerk aus jüngerer Zeit: „Die NSDAP erklärte den 30. Januar zum Tag der ‚Machtergreifung‘. Doch nicht sie hatte die Macht ‚ergriffen‘, der Reichspräsident hatte lediglich Hitler die Kanzlerschaft und die Aufgabe der Regierungsbildung übertragen.“ (Geschichte und Geschehen, Klett-Verlag, 2000) Wie übrigens die Lehrbücher meist schon aus den 80er Jahren diesen Begriff aus der Nazilegende vermeiden, der eine ’nationale Revolution‘ impliziert. Wortklauberei? Heinrich Mann bemerkt diesbezüglich in EIN ZEITALTER WIRD BESICHTIGT (1947): „Trotz allem und allem hat Hitler keine Revolution gemacht. Was er nachträglich seine Revolution genannt hat, war die Vernichtung des je errungenen Menschenglücks. Es war die Wiedereinführung der Folter, Wiederabschaffung der Gedankenfreiheit und der ganze Rest. Eine Revolution bedingt hochherzige Ziele, denen so einer von Natur fremd bleibt, einer Verbesserung der menschlichen Lage, die ihm zuwider wäre, und Ideen. Aber sein Beruf war gerade, Ideen in Lügen zu verwandeln, wenn er sie nur anfasste. Jede Revolution ist außerdem sichtbar gekennzeichnet: der Revolutionär ergreift die Macht aus eigener Kraft. Hitler hat sie niemals ergriffen, sie wurde ihm zugesteckt. Selbst nur ein Hehler der Macht, fand er Verräter, die sie ihm brachten, sogar ein zugängliches Staatsoberhaupt war bei der Hand. Er wurde mit Entgegenkommen bedacht seitens herrschender Klassen, die so gütig waren, ihm seinen Antibolschewismus zu glauben.“

(Ich denke, diese Länge meines Schreibens könnte abgedruckt werden – sollten Sie Neigung und Platz haben für mehr, empfehle ich die folgenden Zeilen hinzufügen:)

Der Auftritt von Hitler im Januar 1932 im Deutschen Industrieclub in Düsseldorf. „Die Zuhörer waren am Ende enttäuscht, der Beifall hielt sich in Grenzen“, schreibt Herr Birkenmaier. In Allan Bullocks Hitler- Biografie (1953) liest sich das anders: „Als Hitler sich hinsetzte( nach zweieinhalb Stunden Rede), erhob sich das Publikum, das aus seiner Zurückhaltung längst aufgetaut war, und jubelte ihm begeistert zu…Hitlers Rede (machte) einen so großen Eindruck, dass die Schwerindustrie bedeutende Spenden in die Nazikasse fließen ließ…begannen die Industriellen nun in ihm den Mann zu erblicken, der ihre Interessen gegen den drohenden Kommunismus und die Forderungen der Gewerkschaften verteidigen und dem Unternehmertum und der wirtschaftlichen Ausbeutung im Namen des Prinzips der ’schöpferischen Persönlichkeit‘ (Hitlers Rede) freie Hand lassen werde.“

Eine eigentümliche Ehrenrettung der Wirtschaftseliten per Differenzierung: „Eine bei Hindenburg eingereichte Denkschrift zu Gunsten eines Reichskanzlers Hitler unterschrieben nicht mehr als zwanzig Unternehmer. Hingegen erbrachte ein Memorandum vom November 1932 zu Gunsten einer Ernennung Papens zum Reichskanzler immerhin 340 Unterschriften.“ Na, und? Die 340 Herren (es gab noch kein Getue um eine Frauenquote in den Führungsämtern) hatten keine Einwände gegen das Kabinett Hitlers, in dem Papen dann Vizekanzler wurde. Dass sich manche aus diesen Eliten „bald schwer enttäuscht“ abwandten (wie dieser von Papen, oder der Herr Thyssen) spricht sie nicht frei von der historischen Schuld, diesen Hitler und seine Bande ins Amt gehievt zu haben.
Eberhard Boeck/ Taubenheimstraße 67/ 70372 Stuttgart

2 Gedanken zu „Leserbrief Bezug: Stuttgarter Zeitung, Die Brücke zur Welt, 26. Januar 2013 DIE MACHTERGREIFUNG WAR KEIN KONJUNKTURPROGRAMM, von Werner Birkenmaier

  1. Birkenmaier schreibt seit Jahrzehnten voelkische Beschwichtigungen
    zur Umdeutung v.a. deutscher Reichsgeschichte für die StZ. Kurz nach Erscheinen seines Artikels über die sog. Machtergreifung fabulierte er über das Hellbeck-Buch zu den Stalingrad-Protokollen. Ohne den geringsten Hinweis auf den mit Gebrüll verabschiedeten Entscheid des deutschen Großkollektivs, den totalen Krieg & damit die totale Grausamkeit in die Welt zu tragen, ohne irgendeine Bemerkung auf die widerwärtigen Aktionen der wehrmachtsdeutschen Soldateska bedauert der alte Revanchist, dass sich „die Russen in die Trümmer hätten krallen können“ und neutralisiert in Stammtischmanier die Grausamkeit der Angreifer mit jener der Überfallenen. Birkenmaiers alter ego A. Baring tönt im Spiegel genau in gleicher Weise und warnt uns – 70 Jahre nach dem Gemetzel – vor der „Verrohung der Russen.“
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/historiker-baring-fordert-gedenken-an-die-schlacht-von-stalingrad-a-880426.html
    H.Arendts Kommentar zur Verlogenheit der Deutschen (1949) bestätigt
    sich in jeder Verlautbarung dieser Herrenmenschen auf’s neue. Dies wird bes. deutlich, wenn ein Autor wie Hellbeck selber zu Wort kommt:
    http://www.heise.de/tp/artikel/38/38478/1.html
    Unsere Leserbriefe vermögen am Selbstbetrug der Leserschaft
    nationalistischer Leitmedien wie Spiegel + StZ sicher nichts zu ändern.

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