Why poverty?

Zusammen mit 70 anderen Fernsehsendern – so die Ansagerin – strahlt Arte am 29.11.2012 den Dokumentarfilm „740 Park Avenue“ von Alex Gibney aus, in dem es um die Frage gehen soll, warum es Armut gibt. Beispielhaft werden dabei die Newyorker Stadtteile Upper Manhatten – hier wohnen die reichsten Amerikaner – und das Armenviertel South Bronx, die durch die Park Avenue mit einander verbunden sind, erwähnt.
Um zu illustrieren, wer Schuld an dieser Ungleichheit ist, zeigt Autor Alex Gibney verschiedene Personen beim Monopoly-Spiel und erklärt, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Situation in Amerika, wo ungeheurer Reichtum und unbeschreibliche Armut ganz nah neben einander existieren, mit folgendem Spielablauf erklärt werden kann: eine Person – die für die Reichen steht – bekommt zwei Würfel, mehr Startkapital und die doppelte Menge Geld, wenn sie „über Los kommt“; die andere Person – sie steht für das Schicksal der Armen – erhält deutlich weniger Startkapital, nur einen Würfel und, kommt sie über Los, nur die Hälfte des Betrags, den der Mitspieler zugesprochen wird. Es ist also nur konsequent, dass der reiche Spieler „abräumt“ und der arme Spieler „verhungert“. Das sei, so der Film, das gegenwärtige Amerika. Vom Erfolg durch Leistung könne schon lang nicht mehr die Rede sein.
Mit Blick auf das Monopolyspiel wirkt es besonders verdreht, dass es dem Autor des Dokumentarfilms ein Anliegen ist, die Schuld für diese gesellschaftliche Ungerechtigkeit unbedingt den Reichen in die Schuhe zu schieben. Grade so als wären es nicht die (veränderten) Spielregeln, die das Schicksal des „armen Spielers“ besiegeln, sondern die Schuld des „reichen (Mit-)Spielers“.
In der realen Welt werden dabei „die da oben“ zusätzlich als unsympathisch, korrupt und egoistisch beschrieben. Die Reichen – Milliardäre, Hedgefondsmanager, Banker – manipulieren, lobbiieren und kassieren – besonders auch in Bezug auf das politische Leben. Im Parlament seien – seit den 1970er-Jahren – Entscheidung nur noch Ergebnis des Einfusses „der Reichen“.
Dass es reiche Menschen gibt, die (im heutigen Amerika) ausgezeichnet leben, und andere, Arme, die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, ist unbestritten; dass es aber etwas zu simpel ist, jenen, den Reichen, dafür die Schuld zu geben, ist es auch.
Brecht hat einmal festgestellt, dass über das Fleisch, was fehlt, nicht in der Küche entschieden wird. Angewendet auf das Monopolyspiel könnte man auch sagen, dass über die (unfairen) Spielregeln eben nicht die Mitspieler entscheiden, sondern der Spieleverlag.
Realer Kapitalismus, so heißt es gegen Ende des Films, ist kein Spiel, sondern bitterer Ernst. Was spricht also dagegen, ernsthaft die Spielregeln des Kapitalismus zu kritisieren, statt sich gegenseitig die Schuld an Missständen zu geben?(bh)