Schmähbrief Nr.27 01.Oktober 2012

(nachrichtlich an die DB sowie die Fraktionen im Gemeinderat und Landtag)

Der Sigi war am Samstag bei der Kundgebung von „Empört euch!“ auf’m Schlossplatz in Stuttgart. Nein, er is nicht nach München gefahr’n, wo’s auch so eine Kundgebung gegeben hat, aber Zug fahr’n macht schon lang koan Spaß mehr, meint der Sigi, is er halt in Stuttgart bliebn, wo es auch ein Volksfest gibt mit bayrischem Outfit, Bayernimitaten in Lederhosn und Dirndl. Und Stuttgart ist bekanntlich auch eine, zumindest herandräuende, Metropole mit dem zu grabenden „besten Bahnhof der Welt“ (Rüdiger Grube), der wo ein „verheißungsvoller Ort“( Ingenhoven, Architekt) sein wird, mit „europäischem Architekturtourismus“ (Klotz, CDU) und „Bildungshauptstadt“ demnächst (Turner:“Bürger. Unternehmer. Stuttgarter“) – und jetzt das emporwachsende „Milaneo“, das der noch amtierende OB Schuster „das spannendste und attraktivste Projekt nicht nur in Stuttgart, sondern in Deutschland“ beschwurbelt und meint: „Beim Einkaufen hat Stuttgart durchaus noch Nachholbedarf.“ (StZ vom 29.9.12)

Solche depperten Sprüch kannst du lesen am selben Tag, wo wir uns auf dem Schlossplatz „empören“ über den Ausverkauf unserer Städte an die verschiedenen Investorenbanden. Aber, meint der Sigi, „Empört euch“ is inzwischen so eine linker Designerspruch, lauwarm wie das „Oben bleiben“, wo wir eigentlich „Baustopp!“ schreien müssten. Aber es ging ja nicht nur um S 21 oder die Erinnerung an den „Schwarzen Donnerstag“ vor zwei Jahren – wir sollen uns empören über die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm und „UmFairteilung“ (Die Linke) fordern.

Da möcht jetzt der Sigi den Sebastian Turner zitieren, der den Mief seiner Brezelklientel aus CDU/FDP/Freie Wähler parfümiert mit seiner Parteilosigkeit, und am selben Tag eine 24seitige Broschüre in unsere Briefkästen hat schmeißen lassen und auf S. 16/17 verkündet: „Alle haben Ideen, wie man den Wohlstand verteilt. Da schadet es nicht, wenn auch einer weiß, wie wir ihn schaffen.“ Jedenfalls nicht durch Umverteilen von Reichtum, der auch in dieser Stadt protzt, gell. In Stuttgart leben sowieso „die glücklichsten Deutschen“ (BILD vom 27.9.12). Umverteilung jedenfalls kein Thema für Turner, und weil Unternehmer und rommelfähig dazu, also von Rommel empfohlen, soll man annehmen, dass er mit seiner weißen Weste, also der Turner, und mit der bekannten Vernetzung ins wohlhabende Bürger-und Investorenmilieu den Wohlstand dieser Stadt und Region ins Unermessliche steigern wird mit sicherlich interessanten Ideen für die Umgestaltung der Suppenküchen in Feinkostläden für die hie und da zu beobachtenden ärmlicheren Bewohner dieser Stadt.

Der aktuelle Armutsbericht der Bundesregierung wird von derselben und vom besonders glücklichen Stuttgart sowieso behandelt wie die Mahnrufe des Bundesrechnungshofes zu
S 21, wie Papier eben, das die Papierindustrie fördert – der Regenwald is weit genug weg. Zu S 21 hat er, der Turner, auf Seite 18 dieselben Sprüch auf’s Papier gesetzt wie in all den anderen Beleidigungen durchschnittlicher Intelligenz („historische Chance…“) und dieselbe Verhöhnung der Protestbewegung…“und die Gegner haben den Blick dafür geschärft, diese Flächen (die Gleisflächen) menschlich zu gestalten“. Das wäre dann die Fortsetzung jener Alibidialoge, die Schuster und seine Freinderl einer aufmüpfigen Bürgerschaft anbieten, nachdem man ihre Einwände zur menschlicheren Alternative K21 abgebürstet hat.

„Marktgerechte Demokratie“, diese Maxime von der Frau Merkel, freundlicherweise ausgegraben von dem Volker Lösch in seiner Schmetterrede am Samstag, die wird weiterhin Stuttgart verschandeln. Du darfst dann schon mitreden, wenn du willst, aber nur soweit es der Markt erlaubt: 550 Mio Euro für’s Milaneo, da kann man doch nicht dagegen sein, oder 5 bis 10 Milliarden für einen neuen Einkaufsbahnhof, wo die Stadt doch nur 1,2 Mrd. blecht.

Umverteilen und noch dazu „fair“, wie Die Linke träumt, da lachen die sprichwörtlichen Hühner und der pensionierte Ackermann, der in der vergangenen Nacht beim Günter Jauch wieder staatsmännisch lächeln durfte.

„Man muss den Kapitalismus nicht verteufeln und ihm Bösartigkeit zusprechen- wie einem Monster. Das ist einer der Hauptfehler seiner Kritiker. Ihm eine asoziale Struktur vorzuwerfen, ist so klug, wie dem Jagdhund das Jagen vorzuhalten. Seine unvergleichliche Produktivität, Innovationspotenz und historische Durchsetzungskraft, all dies setzt seine völlige Unempfindlichkeit, Bindungslosigkeit und Abstraktion von allen sozialen und individuellen Besonderheiten voraus.“

Das hat nicht der Marx geschrieben, sondern der ziemlich kluge Andreas Zielke in der Süddeutschen Zeitung vom 12. Dezember 2009, vielleicht ein bissel abgeschrieben. (Der Sigi erinnert sich, dass der Zielke nachgewiesen hat, dass der Stuttgarter Protest, den es seit 1995 gibt, niemals eine legale Chance hatte, kann man nachlesen in „Stuttgart 21-Die Argumente“, Dez. 2010)

Aber ja, da is noch der Staat mit seinen „Rahmenbedingungen“, die der Merkelschbezi Ackermann durchaus befürworten kann, weil seine Bankerfreinderl sonst nicht zu bändigen wären. Andreas Zielke:…“Die soziale Marktwirtschaft muss integraler Bestandteil des Gesellschaftsvertrages sein und dessen Vorgaben und Geist gehorchen.“

Das ist sicher anders gemeint als die Vorgabe von der Merkel mit der „marktgerechten Demokratie“. Andreas Zielke nochmal: „Solange der Sozialstaat nur als Heilmittel der Blessuren auftritt, die der rigorose Markt hinterlässt, wird er so ausgehöhlt und schwach, wie wir es seit langem beobachten.“ Ja, was jetzt? fragt der Sigi.

Der Sigi hat vor dem Kunstmuseum gestanden, drüben auf dem Podium begrüßt die Moderatorin die Kundgebung mit „Hallo, Stuttgart!“ – und Strom von Einkaufsmenschen bewegt sich vorbei, nicht einer bleibt stehen, weil, siehe Schuster, weil beim Einkauf Stuttgart durchaus noch Nachholbedarf habe,s.o. Und der Wolfgang Dietrich, die Spieldose von Grube, auch Unternehmer, auch Bürger, „freut sich ungemein“, dass nach der Umfrage der StZ das Thema S 21 an Bedeutung verloren habe, umgedeutet in „etwas mehr Zustimmung als bei der Volksabstimmung“ (StZ,28.9.). Herrschaftszeiten, sagt der Sigi, eine solchene Zustimmung aus dem Druck der faktischen Zerstörungszenerie rund um den Bahnhof, was willst machen?

Der Sigi meint jetzt, dass der Protest gegen diesen Fordschridd z.B. koan Schwabenstreich mehr braucht auf’m Schlossplatz, Montagskundgebungen in die Stadtteile (Cannstatt am 24.9. war ein Anfang!), Informationen in die Züge, Blättles verteilen vor der Ausstellung im Bahnhofsturm, den Bauzaun am Schlosspark in Besitz nehmen…da brauchst eine andere Phantasie, um diese kriminelle Infrastrukturblase zu sprengen!

Jetzt hat der Sigi aber mal ausgeholt, eine Rede wie beinah im Bierzelt auf’m Cannstatter Wasen, aber du musst auf’n Tisch haun. An scheana Gruaß! (verantw. E.Boeck/ Cannstatt)