Bürgerbrief 85

Liebe Bürgerinnen und Bürger, Pinkeln

Am Eugensplatz gab’s zur guten, alten Zeit noch ein Klo-Häusle für alle, die ein mensch- liches Bedürfnis verspürten und eben auch mal mußten. Heut, wo alles schneller, besser, wei- ter, höher oder, wie in unsrer Stadt, tiefer sein muß, pinkelt Mann mal eben in die Büsche, während Frau sich sagen muß: Oh, verhebs! Klaglos nehmen wir hin, daß die Stadt versaut, am Reinigungsdienst gespart wird, Toiletten
zu sind, wenn’s in den Unterführungen mufft und in den Büschen stinkt. Was tun? Die Ver- antwortlichen mal ordentlich anpinkeln: Lärmen
Am Wochenende versammelten sich in einer Reihe lärmgeplagter Städte Menschen aus allen Bevölkerungskreisen zum starken Protest gegen unerträglichen, krankmachenden Flug- lärm: 75 000 waren es (nach Polizeiangaben knapp 7 500), die auf die Straßen gingen und durch die Terminals zogen. Peter Ramsauer, Bundesverkehrsminister und Freund alles Tie- fergelegten, meinte freilich, wer hoch hinaus will, muß nun mal mit Nebenwirkungen rech- nen. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Er wird Ihnen sagen, was Ramsauer & KO KG verschweigen: Lärm hat nicht nur irgendwelche Nebenwirkungen, er macht krank, gefährdet in hohem Maße das Wohlbefinden, kann das Leben und die Nacht zur Hölle machen. Die Menschen werden je nach ihrer Veranlagung depressiv oder aggressiv, Kreislaufstörungen und Kollapse nehmen zu, der Herzrhythmus fällt aus der Rolle, und statt die Regierungs- paläste zu stürmen, gehen die da nicht mehr wählen. Mal im Ernst: Es ist ja nicht nur der Lärm, den die Apologeten des Wohlstands produzieren. Wer Flughäfen inmitten dichtbe- siedelter Gebiete baut, muß meschugge sein. Flugzeuge lassen es bei Start und Landungen vom Himmel regnen: Steuerbegünstigtes Flug- benzin für Tomaten und Salat im Garten. Um
den Protest wirksam zu unterlaufen, macht man entweder einen Streßtest, eine „Schlich- tung“ oder man beauftragt eine Werbeagentur. In allen Fällen werden die Karten vorher gut gemischt – allerdings nicht von den Projektgeg- nern, sondern von den Profiteuren der Groß- projekte. Denn ob Frankfurt oder Stuttgart 21: Uns wird eingeredet, daß es mit diesem Grö- ßer, Schneller, Weiter ewig weitergehen kann. Aber was ist das denn für ein Wohlstand, bei dem man nachts (von tagsüber gar nicht zu reden!!!) nicht mehr schlafen kann? Was hilft mir mein Wohlstand, wenn das Häusle nie mehr mehr verkauft werden kann? Und was sagen wir unseren Kindern, bei denen die Diagnose eines T ages vielleicht lautet: Krebs? Die Dummredner vom Dienst haben wohlfeile Rezepte für uns. 8 Minuten schneller am Flug- hafen, 3 Stunden früher am Urlaubsort, 10 Mi- nuten schneller in Ulm. Dafür sollen wir alles schlucken – und sie nehmen den Flieger. Deshalb müssen wir weiter unsere bucklige Verwandtschaft begeistern. die alten Nachbarn und die Kolleginnen: Komm, wir gehen Gassi! Auf den Bahnhof, in den Park, und für dort ein Tütchen feinen Löwenzahn-Samen. Auf zum Frühlingsfest der Oben-Bleiber! Widersprechen lernen, zuhören, Unterschiede aushalten, auch wenn’s manchmal schwer fällt.
Und ja nicht erwischen lassen:
So mancher Mensch in Uniform wird furchtbar stark, wenn wir nur zu dritt sind. Wer sich samt Fähnle oder selbstgebautem Plakat nach der Kundgebung auf den Nachhauseweg macht, wird immer öfter von der Polizei gestoppt: „Was Sie hier machen, isch eine Demonstra- tion!“ -„Isch die angemeldet?“ – „Wer ist der Versammlungsleiter?“ – „Gehen Sie gefälligst auseinander!“ Und wehe, es gibt jemand Widerworte – da ist nicht selten eine Anzeige wegen Beleidigung fällig, – und ein Beamter hat immer Zeugen. Notfalls den Richter! De- mokratie ist halt nicht einfach. Peter Grohmann

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.