Gegenstandpunkte
Wut?

Eine kritische Stellungnahme zu Der Bauchbahnhof. Was den Wutbürger treibt und was ihm fehlt – Abgesang auf eine vermeintliche Demokratiebewegung. von Lothar Galow-Bergemann und Markus Hofmann, konkret, Nr. 1, 2012.

Folgt man den Ausführungen der „taz“ vom Dezember 2010, so handelt es sich bei dem Wort „Wutbürger“ um eine Schöpfung ihrer Bremer Redaktion, die auf das Jahr 2007 zurückgeht und im Zusammenhang mit den Mitgliedern der Bremer Wahlliste „Bürger in Wut“ entstanden saein soll. Größere Bekanntheit erlangte der Begriff jedoch – folgt man weiter der taz – im Jahr 2010 durch den Spiegelartikel „Der Wutbürger“; im selben Jahr entschied sich dann die Gesellschaft für deutsche Sprache dazu, den Wutbürger wenn schon nicht zur Person des Jahres so doch zum „Wort des Jahres“ zu wählen.

Liest man nun den erwähnten, von Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit stammenden Text, so fällt auf, dass Lothar Galow-Bergemann und Markus Hoffmann in ihrem Konkret-Text so originell nicht sind; denn letztlich – die Polemik sei mir gestattet – paraphrasieren sie jenen Text im Konkret-Jargon.

Heißt es im Spiegel-Essay „Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er … denkt an sich, nicht an die Zukunft seiner Stadt“, so wird daraus in der Konkret „Als Ausdruck eines vagen Bauchgefühls war und ist der Protest gegen das Stuttgarter Bahnprojekt vor allem bloßer «Reflex der Realität» (Adorno). … [Wer] bloß Angst vor der Zukunft hat, dem darf man unterstellen, vor allem an der Rechtfertigung und Rationalisierung eigener Privilegien und Besitzstände interessiert zu sein…“.

Die Querverbindung zwischen beiden Texten – wichtig ist mir das Wörtchen „quer“ im Sinne von „verkehrt“ oder „gekreuzt“ – ist damit aber noch nicht ausgeschöpft. Grenzt Kurbjuweit seinen Wutbürger ab von der „bürgerlichen Tradition“ mit ihrem Gefühl für „Gelassenheit und Contenance“, so sprechen die Konkret-Autoren ihren Wutbürgern, ganz im Gegenteil, jedes gesellschaftskritische Potential ab, denn Ziel des Protests sei nun mal „nicht die gesellschaftliche Ordnung samt ihrer ökonomischen Sachzwänge“.

Unabhängig davon, wie richtig oder wie falsch diese Aussagen sein mögen, auf eine die Erfahrungswelt einbeziehende Herleitung wird hier wie dort weitgehend verzichtet. Ich möchte an dieser Stelle sogar so weit gehen zu behaupten, dass die Texte zwar verständliche Definitionen des Wutbürgers liefern, deren Anwendung auf die Praxis – abgesehen von Gemeinplätzen – aber schuldig bleiben.

Spiegel: „Tag für Tag, Woche für Woche zieht es sie [Anm.d.Autors: die Wutbürger] an den Bauzaun, wild entschlossen, in fanatischer Gegnerschaft.“ „Der Wutbürger hat das Gefühl, Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik.“ „Was wird aus mir, ist die Frage, die sich Wutbürger stellen.“

Konkret: „Charakteristisch für die Proteste deutscher Wutbürger/innen ist generell, worüber sie sich nicht empören: die täglichen Abschiebungen von Nichtdeutschen, Hartz IV, Rente mit 67 … .“ „Unter Wutbürgern ist Kapitalismuskritik nur als Karrikatur zu haben: als Lobbykritik.“ „S21-Gegner faselten von KZ und Ausschwitz, als die Polizei ankündigte, Knastcontainer aufstellen zu wollen.“

Angesichts der Vehemenz der Kritik (des Spiegel-Autors und der Konkret-Autoren) am Protest gegen S21 mag für alle diese Ausführungen die Frage erlaubt sein, woher die Beobachtungen stammen, wann wurden sie gemacht, wer hat Anlass dazu gegeben? Ergibt sich möglicherweise die aus dem Spiegel oben zitierte „Wildheit der Entschlossenheit“ und der „Fanatismus der Gegnerschaft“ in einem Zirkelschluss allein aus dem bloßen Umstand, dass vermeintliche „Wutbürger“ daran beteiligt waren? War das „Ausschwitz- und KZ-Gefasel“ (Konkret) wirklich mehr als das in einer Tageszeitung veröffentlichte Foto eines mit einem entsprechenden Transparent ausgestatteten Demonstranten?

Neben der in Spiegel und Konkret fehlenden Herleitung des Begriffs WUTbürger aus der Erfahrungswelt gibt es einen weiteren Umstand, der an der Verwendung des Begriffs „Wut“-Bürger im Zusammenhnag mit dem Protest gegen den Stuttgarter Tiefbahnhof zweifeln läßt. Wenn ‚Wut … eine sehr heftige Emotion und häufig eine impulsive und aggressive Reaktion (ist)‘ [Wikipedia], wie erklärt sich die ausnahmslose Gewaltlosigkeit der Wutbürger? Wie der Umstand, dass sich einige Aktivisten seit Mitte der 1990er-Jahre mit dem Bahnofsprojekt auseinandersetzen? Wie erklären sich die zahlreichen Initiativen (Unternehmer, Architekten, Ingenieure, Journalisten, Cams21, Flügel-TV, Respekt, Parkschützer, Unser Pavillon, Parkorchester Sackbahnhof, Ratschlag,…), die sich in und um den Protest gebildet haben, Diskussionsveranstaltungen organisieren, sich regelmäßig treffen? Wie läßt sich die Gründung von zwei Zeitungsprojekten erklären? Wie die in den Schlichtungen deutlich gewordene, umfassende Detailkenntnis der Geschmähten? Mit Wut wohl kaum.

An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, was die vermeintlichen „Wutbürger“ denn überhaupt verbrochen haben, dass man sie so rannimmt? Die „wilde Entschlossenheit“ und die „fanatische Gegnerschaft“ (Spiegel) in Stuttgart (und Hamburg, Köln oder sonstwo) sind doch letztlich – mag man die dabei gemachten Äußerungen nun teilen oder nicht – nichts weiter als andere Worte für die in der bundesrepublikanischen Verfassung dem Bürger zugesicherte „freie Meinung“ und das „Versammlungsrecht“?

Während Lothar Galow-Bergemann und Markus Hoffmann in ihrer Kritk das Bahnhosprojekt wenigstens nicht ganz aussparen („Unsinnsprojekt“), eröffnet sich bei Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit, der sich rundweg für den Tiefbahnhof ausspricht, der eigentliche Sinn der Wortschöpfung „Wut-Bürger“: es geht um unsachliche Delegitimation. Und Demagogie war und ist dafür ein geeignetes Mittel. [Bei Wikipedia heißt es dazu: Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“]

Die Verwendung des Wortes „Wutbürger“ sagt also offensichtlich mehr über den Redner als über das Ziel seiner Rede.

Und so befremdet es nicht, dass der Wutbürger dem „bürgerlichen“ SPIEGEL zu umstürzlerisch („Der Wutbürger … macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das gesamte System aus.“) und der „zickigen“ KONKRET – die ich übrigens seit Kurzem abonniert habe – zu bourgeois ist („Auch Wutbürger/innen scheuen die vorbehaltlose Kritik. Sie möchten das rettende Ufer des gleichwohl Machbaren nicht aus den Augen verlieren“).

Dem einen wie dem anderen scheint der Wutbürger vor allem gut in das eigene Konzept zu passen.

Während der Schaum vor dem Mund dem SPIEGEL-lautor aber vollständig die Sicht auf die Realität genommen hat, gibt es im Text von Lothar Galow-Bergemann und Markus Hoffmann auch Richtiges, das in einer Bewegung wie der gegen den Stuttgarter Tiefbahnhof Berücksichtigung verdient. So ist ‚Wut wohl tatsächlich noch kein Ausweis von Kritik‘ und das Volk an sich kein Garant für Wahrheit und Demokratie. Dass der Protest sich, rückwärts schauend, ausgerechnet schützend um eine Mischung aus „wilhelminischer Trutzburg und Reichsparteitagsgelände“ versammelt, macht es auch grade nicht einfach, die berechtigte Kritik vieler Bürger und Bürgerinnen an den Planungen der Deutschen Bahn zu unterstützen.

Eins zur ausgearbeiteten Alternative K21 zum Abschluss: bei gleichem (oder geringerem) Aufwand schneller dorthin zu kommen, wo man hinmöchte, ist nicht schon dadurch verkehrt, dass man sich im Kapitalismus bewegt.(BurkhardHeinz)

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.

Ein Gedanke zu „Gegenstandpunkte: Wut?

  1. …. BH, ewin Beitrag der Extraklasse!
    Beim Wutbrüger geht’s mir eher so, dass es ja fast
    eine Ehre ist, dazuzugehören – wenn man die schweigenden
    Mehrheiten anschaut.
    Also oben bleiben, auch wenn das im Kapitalismus
    schwer ist . Peter Grohmann

    .

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