Bürgerbrief 75

Liebe Bürgerinnen und Bürger,ach Gottchen, wer da nicht alles herhalten muß um den Hauptbahnhof abzureißen – sogar die Nazis sind den Bahnhofsgegnern nicht schlecht genug! Amber Sayer, eine herausragende Architektur-Kritikerin, schreibt ihnen ins Stammbuch: „Nehmen wir also Abschied von diesem einzigartigen Denkmal der Moderne – Trauern wir um den Stuttgarter Bahnhof.“

Sie wissen ja: Die Fraktion der Abreißer hat Tradition: Kronprinzenpalais, Gestapozentrale, Kaufhaus Schocken, Markthalle, Lusthaus und Altes Schauspiel: Was der Krieg nicht ganz schaffte, holten die Investoren nach, aber ab und an gelang es den Bürgerinnen und Bürger dennoch, ihnen in den Arm zu fallen. Gut so.

Zwischen Rentnerbrigaden & Wutbürgern: Hass und Häme sind nicht selten dabei, wenn es darum geht, die Aufmüpfigen in den Senkel zu stellen: Ihr habt verloren, aufhören, kusch! Tröstet Euch: Auch die SPD hat im Frühjahr verloren (9,7 % der Wahlberechtigten) – und denkt nicht daran, aufzuhören. Nicht dort, wo Menschen sich einmischen, ist die Demokratie in Gefahr, sondern dort, wo sie sich abwenden von der res republica, von den öffentlichen Angelegenheiten, sagte ein ranghoher Staatsmann. Und überall gibt’s freilich besonders Schlaue: Die einen sagen, wir hätten Null Ahnung, ja, wüßten ja nicht einmal, worüber genau bei der Volksabstimmung abgestimmt worden sei. Die anderen stellen sich an die Klagemauer der Netze und machen lustige Vorschläge, was sich der von ihnen kurz zuvor noch diffamierte Wutbürger noch alles auf die Fahnen schreiben soll: Hartz IV, Naziterror, Sarrazin, versiffte Klos, die zum Himmel stinken, mehr Personal in Kindergärten + Krankenhäusern. Und überhaupt fehle es dem Protest hinten und vorn am demokratischen Bewußtsein. Stattdessen seien die Wutbürger gar allesamt – Ätsche Gäbele – hereingefallen auf die Tricks des Kapitals, auf dieses Weiter, Schneller, Besser. Angesagt ist dann wohl die alte Rote Fahne, und wer’s nicht kapiert, wird zu Kinderarbeit abkommandiert in China.

Hilfreich sei der Mensch, edel und gut. Dazu kommen dann die 10 Gebote, das Grundgesetz, die graue Theorie und ein riesengroßer Kamm, über den man alles scheren kann. Merke: Unsere Bürgerbewegung ist nicht angetreten, um Kretschmann und den Juchten käfer zu retten: Ersteres wird eh bezweifelt, beim Zweiten wurden die Karten eben neu gemischt. Wir sind aber auch nicht angetreten, um den Kapitalismus zu beseitigen, auch wenn wir überzeugt sind: Eine andere Welt ist möglich!). Unser Protest ist dauerhaft, irritierend, vielschichtig, bunt, widersprüchlich, geht aber von einigen Grundweisheiten aus (so sozusagen um den gesunden Menschenverstand erweiterter Faktencheck), die sich weder durch Streßtest noch durch Volksabstimmung aus der Welt schaffen lassen.

o Das Projekt ist ein Milliardengrab.

o Das Projekt ist ein Immobilienprojekt.

o Das Projekt schädigt die Umwelt

o Das Projekt gefährdet die Ressourcen(vgl.: Mineralwasser)

o Das Projekt bedeutet „weniger Bahn“

o Das Projekt kam durch Manipulation zustande und ist nicht „wirklich“ legitimiert.

Und für alle, die es bis jetzt noch nicht kapiert haben: Wir sind für mehr Demokratie, mehr Gerechtigkeit, mehr Schulen und mehr internationale Solidarität, mehr Aufarbeitung der Geschichte, mehr Umweltschutz, mehr Kritik, mehr lebensfrohe, internationale Stadt, mehr Bonatz als „französisches Viertel“. Wir sind gegen fliegendes Espandrillos, gegen die Deutungsmacht der Herrschenden, für freie und unabhängig Medien und gegen Nörgler.

Den restlichen Kapitalismus überlassen wir dann gern den Verkündern der reinen Lehre. Die hatten ja bereits mehrere Versuche frei. Einer geht noch, einer geht noch rein! Oben bleiben ist eine Frage des Anstands, meint Ihr Peter Grohmann (als Pivatmeinung)

PS.: …demnächst erscheinen alle bisherigen Bürgerbriefe als Broschüre. Wir weisen rechtzeitig aufs Erscheinigsfest hin

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.

3 Gedanken zu „Bürgerbrief 75

  1. Friede sei mit Dir! Friede Springer lässt über Kai Diekmann eine Meinung bilden. Es scheint als Trans-Parenz (parieren) für Helmut Kohl ein „Ehrenwort“ zu genügen. Wir erleben die Wahrheit wie durch Milchglas. Die Bahn erschein mir zur Geldwäsche gut für Immobilienspekulationen wie S21. BW hat Steuer CD’s immer abgelehnt. Das Abkommen mit der Schweiz darf BW nicht unterstützen! Damit erreichen die Hinterzieher Amnestie und Anonymität. Friede, die mit dem Wulff tanzt. Dem Blatt gelingt es einen CDU Berufspolitiker zum Präsidenten hochzuschreiben und auch wieder herunter zu holen. Mir wird die Bedeutung von unabhängig – überparteilich klar: Sie ist unabhängig reich und steht über der Partei, CDU? Nach dem Stresstest hat Heiner Geißler gemeinsam mit SMA (CH), den Kompromiss „Frieden in Stuttgart“ vorgeschlagen und Tags darauf finde ich auf der Titelseite ihres Meinungs-Machers BILD, den Verriss: Stuttgart 21 „Geißlers irrer Kompromiss“. Die Medien Göttin, Friede Springer ist Mitglied in der CDU und eine Freundin der Götterbotin Angela Merkel. Am 8.1.2009 heißt es in BILD „Friederike weiß, dass ich sie liebe!“ (Günther Oettinger). Am 30.3.2009 unterschreibt er den S21 Finazierungsvertrag.

  2. Lieber Peter,
    deinen 75. Bürgerbrief find ich klasse bis auf eins:

    jetzt haben wir uns halt mal auf die Volksabstimmung eingelassen als politische Strategie und sind, du erinnerst dich an unser Gespräch, wie abzusehen war, auf die Schnauze gefallen- vor allem auch in der Stadt Stuttgart.
    Selbst dort waren – wir – nicht das Volk.
    Folgo: die Legitimation ist wirklich jetzt am Arsch, als Folge unserer Strategie.
    Das gilt es erst mal zur Kenntnis zu nehmen und zwar auch öffentlich. Das heißt für mich auch Verantwortung für die Strategie der Volksabstimmung zu übernehmen.

    Ich stell mir vor, es hätte die SED eine Volksabstimmung machen lassen…
    Noch dazu mit so einem Quorum.
    Ich will nicht wissen, wie die ausgegangen wäre.

    Volksabstimmungen sind kein Allheilmittel. Lernt uns das das?

    Liebe Grüße Rolf

  3. Was vor der Volksabstimmung falsch war, ist es jetzt auch noch.
    Eine manipulierte Volksabstimmung ist keine Volksabstimmung sondern eine Volksverdummung!
    Eine benutzte Demokratie ist keine Demokratie!

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