Bürgerbrief 74

Liebe Bürgerinnen und Bürger, was für ein Start ins Neue Jahr: Am Samstag versammelten sich auf dem Schloßplatz ein paar tausend Menschen zum Protest gegen das Projekt – das zeigt, daß der Widerstand ungebrochen ist. Ich hatte wieder 3 000 Bürgerbriefe drucken lassen.Wenn die alle verteilt sind, weiß ich, daß 3000 Leute da waren. Auf dem Schloßplatz machte ich auch mit einem fast seriösen Herrn Bekanntschaft. Gut aussehend, fast so gut angezogen wie der Christian Wulff (meine Güte, wie kann der sich so was leisten bei seinen Schulden?) kam er auf mich zu: „Du alter, vertrottelter Rentner!“ Und weil ich dann vermutlich tatsächlich etwas vertrottelt aus der Wäsche geguckt habe, machte er eine weit ausholende Geste übers ganze Demonstranten-Volk hinweg: „Alles, alles alte Trottel“. Ich hätte ihm natürlich am liebsten eine gescheuert, aber Sie kennen mich ja: Sehe ich aus wie ein Gewalttäter? Schön, hin und wieder etwas unrasiert, manchmal Augenringe, aber zuschlagen? Ich will ja lieb sein und lieb bleiben. Blumen statt Kastanien…
Gar nicht lieb sind die Anderen. Wir haben uns ja einiges versprochen im letzten Jahr. Erst vom Stresstest, dann von der so genannten Schlichtung, letztlich sogar von der Volksverstimmung. Beim Stresstest bleiben, aus Zeitgründen, wie es hieß, eine Menge Fragen und Probleme außen vor: Wir haben’s letztlich geschluckt und den Spatz auf der Hand gewählt. Heute zeigt sich, daß der Spatz schon tot war, bevor wir ihn in der Hand hatten. Die großspurig von wortgewaltigen Fachleuten versprochene Rettung der Bäume haut nicht hin – sie werden geschreddert. Keine Rede mehr von der Gäubahn, und knapp eine Stunde nach der Volksverstimmung wurde den Bürgerinnen & Bürgern schon signalisiert, dass der Kostendeckel illusorisch ist. Das, was uns Geißler im Stresstest als unabdingbar verkauft hatte, der kluge Kompromiss, das große Wunder, erwies sich als alter Plunder. Und auch, wenn es Ihnen zum Halse heraushängt: Einen neuen Bahnhof baut man, damit mehr Züge fahren können, damit die Bahn flotter, freundlicher, preiswerter wird, der Umwelt und der Ökonomie zuliebe. Doch alles, was uns jetzt vor die Nase gesetzt werden soll, steht erstens rechtlich auf dünnen und unsicheren Beinen, kostet doppelt so viel und bringt, vereinfacht gesagt, halb so wenig. Im Endeffekt ein Abbau von Bahnleistungen:Weniger Züge, ein amputierter Bahnhof, ein toter Park.
Das Bündnis „Bahn für alle“ hat in einer Sonderzeitung zu Stuttgart21 dokumentiert, dass der ganze Stresstest manipuliert war. Ein ungeheuerlicher Vorwurf, denn dann wäre ja die ganze Volksabstimmung von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen. Man kann’s auch freundlicher ausdrücken: Lug und Betrug.
Nun, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, wartet „Bahn für alle“ (und ich auch) auf eine Klage der Bahn wegen Verleumdung, Beleidigung, wegen Ruf-, ja Geschäftsschädigung. Wir warten und warten und warten und warten.
Und wir warten auch, daß die Regierung, die wir ins Amt gehoben haben, die von unseren Fachleuten präsentierten Fakten prüft – denn, sorry, Kretschmann und Hermann und die Grünen wären ja bei einer Manipulation auch total verarscht worden. Ich hab’ den Eindruck, die sind erstmal alle weggetaucht und sagen sich, wie Christian Wulff auch: „In einem Jahr ist alles vorbei.“ Ich sag: Irrtum, Freunde! Jetzt seid Ihr an der Reihe! Wo ist die vielfach versprochene Bürgernähe? Und wo habt Ihr je, seit Ihr oben seid, eine Vertreterin der kritischen Bürgerschaft eingeladen, angehört, wo und wann habt Ihr gemeinsam mit uns die neuen Fakten und Vorwürfe geprüft?
Die Geduld geht langsam zu Ende, glaubt Ihr
Peter Grohmann

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.

4 Gedanken zu „Bürgerbrief 74

  1. lieber peter,
    auch von der WAHL haben sich einige etwas versprochen, etwas was ihnen vor der WAHL versprochen wurde! diese von grünen angeführte regierung macht auf mich den eindruck eines wulffes. (>>Wulff bricht sein Versprechen<<)
    ich bin gerne dabei eine ausserparlamentarische opposition zu gestalten und entwickeln.
    ENGAGIERT EUCH! (stéphane hessel)
    lg | peter

  2. Wir als Volk werden von den Parteien immer verarscht.
    Die Presse spielt bei der ganzen Sauerei mit, da sie von den Banken abhängig sind.
    Von der Volksabstimmung habe Ich mir nicht viel versprochen den dies war eine Falle in der die Bewegung vorgeführt wurde, Geld regiert die Dummheit der Masse.
    Von den Grünen habe ich nichts erwartet da die im Landtag am liebsten mit der CDU. regiert hätten.
    Wir müssen es selbst in die Hand nehmen.

  3. Also Sie als Volk – wie ist da eigentlich die richtige Anrede? Sie oder Ihr oder Euch? – fühlen sich von den Parteien verarscht. Aber die in den Parteien, sind die nicht auch Volk? Sie werden sich aber doch nicht von sich selbst verarscht fühlen? Und die Masse? Ich dachte, die wäre Volk. Ist sie aber, wie Sie sagen, nicht, weil die „Dummheit der Masse“ vom Geld regiert wird und das kann ja nicht heißen „Dummheit des Volkes“, weil Sie sich ja dann selbst als dumm bezeichnen würden; Sie als Volk, regiert vom Geld. Und Bewegung und Volk? Da verstehe ich den Zusammenhang noch nicht ganz. Ist Bewegung eine besondere, sagen wir mal, „Abteilung“ von Volk?
    Angesichts dieses Durcheinanders muss ich sagen, dass ich mir werde überlegen müssen, ob ich denn jetzt auch noch Volk sein möchte, wenn ich höre, dass Sie „es selbst in die Hand nehmen müssen“. Ich glaube eher nicht.
    Gruß, Hugo.

  4. dass sie auch immer alles mißverstehen, lieber hugo!
    natürlich bin ich das volk, sie auch. aber erst mit einem gewissen
    abstand. wenn sie sich nicht verarscht fühlen (we der kabarettist grohmann),
    umso besser. meistens wirs ja auch nicht das ganze volk verarscht, sondern nur das halbe, meinen herr bertelsmann vom guttemberg und der zu dieckmann (das sind die guten vom volk, aber halt einzelgänger, wenn
    auch mit massenanhang).
    herzlich bis zur nächsten katastrophe
    peter

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