Bualem Sansal
Algerier zwischen Deutschen.

Der algerische Schriftsteller Bualem Sansal war am letzten Donnerstag auf Einladung des „Instut Français“ in der neuen Stadtbibliothek am Mailänderplatz in Stuttgart. Sansal, Jahrgang 1949, ist ein kleiner Mann, mit langen grauen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen, gepflegten Haaren. „Informell elegant“ trägt er dunkle Jeans, ein dunkles Hemd mit einer farbigen Kravatte, die dezent das Bordeauxrot seines bequem geschnittenen Blazers aufnimmt. Sansal blickt neugierig umher und sucht den Augenkontakt zumindest zu den Personen, die in den vorderen Reihen dieses mittelgroßen Saals im Untergeschoss der Stuttgarter Bibliothek sitzen; er lächelt freundlich dabei.

Begleitet wird der Algerier von der Dolmetscherin Isabel Lienenkämper – die eine beeindruckende Arbeit leistet – und der ehemaligen ARD-Korrespondentin für Nordafrika, Susanne Sterzenbach, die den Abend moderiert.

Die Veranstaltung ist ausverkauft. ‚Dass doch so viele Menschen kommen um einen algerischen Schriftsteller zu sehen, hätte ich nicht gedacht‘, sagt eine ältere Dame draußen im Foyer. Hier, vor dem Eingang zum Max-Bense-Forum der Stadtbibliothek, steht ein Tisch mit einer ganzen Reihe von Büchern des auf französisch publizierenden Schriftstellers, dessen erstes literarisches Werk er schreibt als er bereits 50 ist.
‚Wo denn die ganzen Geschichten vorher waren und was er mit seiner Wortgewandtheit bis dahin gemacht hat‘, lautet dann auch die erste Frage der Moderatorin. Sansal schmunzelt und antwortet fast etwas schüchtern, dass ‚er schon eine Art Vulkan sei, der eben etwas Zeit benötigte, um auszubrechen‘. Ansehen tut man dem trotz seines Alters noch irgendwie jugendlich wirkenden Bualem Sansal das Vulkanische ganz und gar nicht. Dazu muss man wohl seine Werke lesen. Zu ihnen gehört auch das Buch, das im Zentrum des heutigen Abends steht: „Das Dorf des Deutschen“, erschienen 2009 im norddeutschen Merlin-Verlag.

„Das Dorf des Deutschen“ erzählt in Form von fiktiven Tagebucheintragungen der in Frankreich aufwachsenden Brüder Rachel und Malrich Schiller die Geschichte ihres Vaters, einem zum Islam konvertierten deutschen Nazi, der in einem kleinen Dorf in Algerien mit einer Einheimischen verheiratet ist. Die Eltern fallen einem islamistischen Attentat zum Opfer. Als Rachel den Nachlass seines Vaters durchsieht, wird er brutal mit dessen Nazi-Vergangenheit konfrontiert.

Neben der sprachlichen Stärke ist es vor allem die geschilderte Analogie von Nazismus und Islamismus, durch die das Buch in Frankreich und Deutschland Aufsehen erregt; in Algerien war es von Anfang an verboten.

Bualem Sansal erzählt, dass es 3 Jahre gedauert habe, bis er das Buch fertig hatte. Dieser im eigentlichen Sinn schriftstellerischen Arbeit, so Sansal, ging aber eine 30 Jahre dauernde Phase voraus, die er als „Lektüre“ beschreibt und während der er sich intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg und der Shoa auseinandergesetzt habe. Er sei zu einem Spezialisten auf diesem Gebiet geworden weil er nicht verstanden habe, warum die Deutschen die europäischen Juden so behandelten. Häufig habe er sich bei der Beschäftigung mit diesem Thema sehr alleine gefühlt, weil der durch Deutsche organisierte Massenmord an den europäischen Juden in der arabischen Welt überhaupt kein Thema sei oder sogar als Erfindung der Juden betrachtet werde.
Der umittelbare Anlass für das Buch ergab sich dann fast zufällig, als Bualem Sansal während einer beruflich motivierten Reise in einem kleinen Dorf in der algerischen Wüste – Sansal war vor seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein hoher algerischer Beamter – Bekanntschaft mit einem Deutschen machte, der ‚zum Islam konvertiert und mit einer Algerierin verheiratet war‘.

Direkte autobiographische Bezüge spielen in „Das Dorf des Deutschen“ eine vernachlässigungswerte Rolle; indirekt gibt es aber drei „Phänomene“, denen der Autor mit seinem Buch eine Form geben wollte: zum einen die Judenvernichtung und der Nazismus, dann der Islamismus und dessen faschistisches Potenzial und schließlich die diesen beiden „Phänomenen“ dienende Unwissenheit.

Es ist Malrich, der kleine Bruder, der in seinem Tagebuch wohl auch deshalb den von Islamisten sozial, kulturell und politisch dominierten Pariser Vorort, in dem er und seine Freunde leben, mit einem Konzentrationslager der Nazis gleichsetzt: Die Lage in den letzten Monaten hat sich „fürchterlich verschlechtert. …(Die Cité) ist bereits ein Konzentrationslager, das ist auf bestem Weg, man stirbt auf kleiner Flamme, man verbarrikadiert sich, man ist erfasst, überwacht, stets und ständig an die Lagerordnung gemahnt, der Anzug, die Länge der Barthaare, die erlaubten Gesten, die Sachen, die man nicht tun soll, die täglichen Versammlungen, die freitägliche Generalmobilisierung, das Faustrecht der Predigt, die Prozesse und die öffentlichen Bußen, und um zum Ende zu kommen, ist man für die Todeskommandos zur Abfahrt in die afghanischen Lager gemustert. Es fehlen nur die Gaskammern und die Öfen, um zur Massenvernichtung überzugehen. …“

Als das Mitte der 2000er-Jahre geschriebene Buch 2008 in Frankreich erscheint, waren die Ende 2010/Anfang 2011 in Tunesien beginnenden Unruhen in der arabischen Welt nicht einmal zu erahnen. Sansal, der im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ist ein kritischer Beobachter der Ereignisse in Nordafrika. Seine Zuversicht angesichts des Mutes, der Kraft und der Heiterkeit der rebellierenden Menschen sei heute, vor allem wegen der Zunahme des Einflusses der Islamisten, einer pessimistischeren Einschätzung gewichen.

Angesprochen auf seine islamistenkritische Haltung und deren daraus sich ergebende persönliche Konsequenzen, wehrt Bualem Sansal beinahe ab. Die Frage ist ihm nicht willkommen. Er lebe weiterhin in Algerien, so sagt er. Das sei zwar nicht ungefährlich, aber zustoßen könnte ihm überall etwas. Er versuche sich der Angst nicht zu sehr auszusetzen, denn wenn sie sich in seinem Kopf festsetzt, behindere ihn das sehr. Er wolle sich der seit Jahrzehnten stattfindenden Auswanderung algerischer Intelektueller nicht anschließen, denn man dürfe das Volk grade jetzt nicht alleine lassen. Wenn das Volk sich entwickeln soll, dann komme es ohne Intellektuelle nicht weiter.(BurkhardHeinz)

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.