Bürgerbrief 69

Liebe Bürgerinnen und Bürger, die Top-Meldung des Tages: Die baden-württembergische Landesregierung hat (bei einer Enthaltung) beschlossen, dass es ab nun keine Demonstrationen und Kundgebungen mehr geben solle. Wer unbedingt gegen Stuttgart21 protestieren wolle, könne das ja von zu Hause aus tun. Insoweit sei also auch das Recht auf Demonstration nicht eingeschränkt.
In einer scharfen Erwiderung wies Peter Grohmann umgekehrt darauf hin, daß es gerade die viele Demonstrationen seien, die unserer Polizei und dem Verfassungsschutz Arbeit und Brot gäben. Gerade in der Weihnachtszeit seien die Demonstrationen ein willkommenes Zubrot. Wer nicht wolle, das Polizistenkinder hungern oder frieren, müsse gerade jetzt seinen kühlen Kopf oben behalten. Von den Dämonrationen sei längst eine ganze Industrie abhängig: Buttonfabrikanten, Papierhersteller, Filderbauern mit Sauerkraut, Kalendermacher: Sie allen profitieren vom Widerstand. Auch Würschtlesverkäufer, S-Bahnen und Kneipen hätten, so Grohmann, bei jeder Demo einen deutliche besseren Umsatz. Zudem seinen die Gegner des Milliardengrabs auch bei Trinkgeldern sehr großzügig.
Wie schön: Wir sind über Nacht zur einzigen Opposition geworden. Im Vergleich zu den letzten Wahlen sind die Befürworter des Kopfbahnhofs heute die stärkste politische Kraft im Lande. Der Opposition im Landtag kann man, nach Korruption und Skandalen, nicht mehr über den Weg trauen, aber auch die Regierung ist eben dabei, das Vertrauen, mit dem wir sie auf den Weg geschickt haben, zu verspielen. Daher in aller Deutlichkeit: Macht Ihr Eure Arbeit! Und laßt uns mit dreisten Vorschlägen, wann wir bitte sehr demonstrieren sollen und wann nicht, in Ruhe! Ihr, Regierung und Ihr, Grüne (von der SPD woll’n wir anstandshalber mal nicht reden), habt nicht in Sachen Stuttgart21 und neue Demokratie einen ganzen Sack voller Versprechungen gemacht: Jetzt aber an die Arbeit!
An den windelweichen Kostendeckel glaubt Ihr ja selbst nicht mehr! Also – raus mit der Wahrheit! Wir wissen doch inzwischen so gut wie Ihr, dass viele der heiligen Abmachungen (Stresstest und Schlichterspruch) das Papier nicht wert sind, mit dem man dem Volke das Maul abgewischt hat. Ganz nebenbei erfährt man da, dass die Gäubahn offenbar so wenig Chancen aufs Überleben hat die wie Bäume im Schloßgarten – obwohl verbindlicher, ja vertraglicher Bestandteil bei Heiner Geißler. Kein Wort mehr von den Anforderungen der Feuerwehr, ganz zu schweigen von dem Sündenregister, das der Bahn von Ingenieuren und Gutachtern unter die Nase gehalten wird.
Wo bleibt Euer deutliches Wort zu den Wahlmanipulationen, zu Betrugsvorwürfen? Es gibt viele Fragen auch an Winne Hermann – mag sein, dass manche überspitzt sind, aber viele sind mit Fakten unterlegt. Wir bitten um Antwort auf die Fragen von Alexander Keck. Warum keine klare Antwort auf das Gutachten Vieregg/Rössler, dass dem Kopfbahnhof heute schon eine höhere Leistung bescheinigt, als die S21 je haben wird? Denn wenn das so ist (ich zweifle nicht), dann fallen die Argumente für den Tunnelbahnhof in sich zusammen wie ein altes Bahnwärterhäusle. Und weiter: Wo, bitte, gab es je Gespräche, ein Anhören der Argumente zwischen dem grünen Teil der Landesregierung und der Bürgerbewegung? Sind wir nur als Wählerinnen und Wähler gut?
Daher: Karten auf den Tisch, Kosten auf den Tisch, aber hopp! Beim gestrigen Großen Ratschlag im Rathaus war klar: Die Montagsdemonstrationen lassen sich nicht einfach an- und abbestellen, je nach Lage der Dinge. Das große soziale, politische und kulturelle Netz, das weit über die Stadt hinaus entstanden ist, kann man nicht einfach an den Nagel hängen wie den abgetragenen Regenmantel von Mappus! Stuttgart lebt. Und wir auch! Es grüßt Sie: Peter Grohmann

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.