NS-Krankenmorde in Stuttgart – Ein Ausblick aus Sicht der Stolpersteininitiativen

Veranstaltungstyp Podiumsdiskussion
Organisation/Veranstalter AK „Euthanasie“ der Stuttgarter Stolpersteininitiativen u. Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke
Website www.stolpersteine-stuttgart.de
Datum 24.11.2011
Uhrzeit 19.00 h
Ort Rathaus Stuttgart, Mittlerer Saal, 4. OG.
Terminbeschreibung Mit den Stolperstein-Verlegungen am 22. und 23. November erhöht sich die Zahl dieser Ge-denksteine in Stuttgart auf ca. 640. Dank der verstärkten Aktivitäten zum 70. Jahrestag der NS-„Euthanasie“ findet nun auch der Mord an kranken, behinderten und sog. asozialen Menschen seinen Ausdruck in der Erinnerungsarbeit. Sichtbar wird das daran, dass inzwi-schen bei jedem Verlegungstermin Stolpersteine für diese Opfergruppe dabei sind. Mittler-weile sind es in Stuttgart über 50 – und das obwohl es aufgrund der Verschleierung durch die Täter besonders schwierig ist, die nötigen Informationen zu ermitteln.
Der Arbeitskreis „Euthanasie“ bemüht sich innerhalb der Stuttgarter Initiativen um Aufmerk-samkeit gegenüber einer historischen Ungeheuerlichkeit: 1940/41 hatte die nationalsozia-listische Gesundheitsbürokratie mit dem Mord an 10 654 Anstaltsinsassen in der Ver-nichtungsstätte Grafeneck die erste Phase eines industriellen Massenmordes im Interesse der „Volksgesundheit“ durchgeführt – und dies dann noch zynisch „Euthanasie“ genannt.
Die Bearbeitung aktueller ethischer Fragen kann an der Auseinandersetzung mit dieser Geschichte nicht vorbeigehen. Deshalb wollen wir einmal den Stand der Erinnerungsarbeit in Stuttgart dargestellen und die Richtung für künftige Aktivitäten diskutieren. Sachkundige Referenten werden die regionalen Bezüge herausarbeiten, die vor allem dank vielfältiger ehrenamtlicher Arbeit immer genauer an konkreten Personen, Orten und Ereignissen festgemacht werden können.
So hat etwa Dr. Karl-Horst Marquart durch seine akribische Aktendurchsicht den Nachweis erbracht, dass es in Stuttgart eine so genannte Kinderfachabteilung gegeben hat. In solche Abteilungen wurden Kinder und Neugeborene verlegt, wenn ihr Leben als „lebensunwert“ beurteilt worden war – und so der Tötung meist mit dem Beruhigungsmittel Luminal zuge¬führt. Er wird als einer der Referenten die Dimension dieser Verbrechen an der Stuttgarter Kinderklinik unter der damaligen Leitung von Dr. Lempp ausloten. Ein sichtbares Ergebnis dieser Arbeit wird die erstmalige Verlegung eines Stolpersteines für ein Opfer dieser Mord-praxis in Vaihingen sein.
Elke Martin hat sich auf den Weg gemacht, die Spuren aller Stuttgarter Opfer der Kranken-morde aufzufinden. Mit dem Titel „Verlegt – Krankenmorde 1940/41 in der Region Stuttgart“ bringt sie in diesen Tagen ihr Buch heraus. Dafür hat sie systematisch Akten in verschiede-nen Archiven durchsucht und so eines der wichtigsten Hilfsmittel für die Arbeit der Stolper-stein-Initiativen wie auch für Schulklassen oder andere historische Projekte geschaffen.
Der Historiker Thomas Stöckle leitet die Gedenkstätte Grafeneck. Zunehmende Besucher-zahlen auch im dortigen Dokumentationszentrum verweisen auf das Interesse an diesem Thema. Er erlebt täglich bei Angehörigen von Opfern wie bei anderen Besuchern die Rich-tigkeit des eigenen Leitbildes: „Gedenken braucht Orte“.
Harald Habich rüttelt immer wieder erfolgreich am bleiernen Schleier des Vergessens: Nicht nur mit der „Spur der Erinnerung“ – die erstmals die Verbindung zwischen Tatort Grafeneck und der Administration im Innenministerium Stuttgart für eine breite Öffentlichkeit erlebbar gemacht hat – erwarb er vielschichtige Erfahrungen bei der Vermittlung dieser Inhalte. Jedoch sieht er weiterhin großen Handlungsbedarf – auf seine Anregungen für die weitere Arbeit darf man gespannt sein.
Der Beitrag von Harald Stingele soll das Augenmerk auf ein seit langem angestrebtes Pro-jekt lenken, welches nun mit großen Erwartungen in die konkrete Planung geht: Er wird den „Lern- und Gedenkort Hotel Silber“ vorstellen, der in der ehemaligen Gestapo-Zentrale eine differenzierte Bearbeitung der regionalen NS-Geschichte fördern soll. Als einer der Sprecher der Initiative Hotel Silber kennt er den Stand der Debatten. Die Veranstalter wollen mit seiner Einladung die Bedeutung ihres Themas für dieses Projekt unterstreichen.
Ebbe Kögel von den AnStiftern kennt alle Beteiligten aus unterschiedlichen Projekten bürgerschaftlichen Enga¬gements. Als Kopf der Allmende Stetten im Remstal hat er auch Erfahrungen aus ge¬meinsamen Veranstaltungen mit der Diakonie Stetten. Er eignet sich ideal als Moderator für die hoffentlich aufschlussreiche Diskussion im Anschluss an die Kurzvorträge.
Die Veranstaltung wird ermöglicht durch die Gemeinderatsfraktion SÖS/Die Linke, sie ist für alle Interessierten offen.

Weitere Infos: www.stolpersteine-stuttgart.de

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.