AnStifterFunken
"Spanish Revolution" II


12.09.2011, um 16.00 Uhr,  der zweite Teil der Spanish Revolution mit dem Interview von drei Aktivisten und der Musik von Susheela Raman. Alles grade eben fertig geworden. … aufhören, anschalten, zuhören: AnstifterFunken, jeden zweiten und vierten Montag im Monat zwischen 16.00 – 17.00 Uhr über Antenne 99,2 Mhz oder über Kabel 102,1 Mhz … oder als Stream unter www.freies-radio.de


Fragen und Antworten an und von Jorge, Nadia und Felipe

1.Frage Vor etwas mehr als einem Monat haben wir ein kleines Interview mit einem jungen Mann namens Felix in seiner Funktion als Koordinator der Bewegung des 15. Mai gemacht.
Heute habe ich das Vergnügen mit drei Leuten zu sprechen, die aktiv in der Bewegung mitmachen. Könnt Ihr Euch kurz vorstellen und mir sagen, warum ihr das macht.

1.Antwort Mein Name ist Jorge. Das Interview kommt ja etwas plötzlich, kann dadurch aber den Geist der Bewegung des 15. Mais ganz gut wiedergeben. Da gibt es so etwas wie Spontanität. Das kam irgendwie für alle aus dem Nichts. Genau wie dieses Interview, das aus dem Nichts kam und es uns nicht möglicht macht, uns etwas auf das Thema vorzubereiten. Die Bewegung war, zumindest in Spanien, eine kollektive Notwendigkeit.

2.Frage Wie engagierst Du Dich konkret in der Bewegung?

2.Antwort Nun, wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen, dass in in keinem Ausschuss tätig bin und auch in keiner Arbeitsgruppe. Ich habe aber an verschiedenen Vollversammlungen und an Demonstrationen teilgenommen. Das habe ich immer unterstützt. Das ist eine Bewegung die plötzlich da war und das geht jetzt alles sehr schnell. Und deshalb geht es vielen wie mir: wir sind etwas perplex, unterstüzten die Angelegenheit, aber es ist nicht ganz einfach das alles mit Deinem normalen Leben in einen Zusammenhang zu bringen. Ich erinnere mich noch, als ich Ende Mai nach Marokko fuhr und als ich wiederkam mich natürlich sofort nach dem Stand der Bewegung erkundigte und sich viele so äußerten, dass sie etwas mehr Langsamkeit forderten, um auch ihrem alltäglichen Leben nachgehen zu können. Grad zu Anfang gab es sehr viele Nächte, in denen die Leute keinen Schlaf fanden. Der Einkauf wurde nicht gemacht. Mit anderen Worten: das geht hier alles furchtbar schnell. Wenn es um Unmittelbarkeit geht, dann müssen wir auch Möglichkeiten finden, wie wir das mit unserem Alltag vereinbaren.

3.Frage Als ich Anfang Juli in der Infobaracke mitten in Madrid mit Felix gesprochen habe, fand ich da ein Zettelchen, das irgendjemand an die Holzwand gepinnt hatte: wir gehen langsam, weil unser Weg weit ist war darauf zu lesen.

3.Antwort Ich glaube, dass wir schnell sind, nicht langsam und sehr ehrgeizig, obwohl es kein klares Ziel gibt. Was wir versuchen ist, ein System zu ändern. Ein System, das nicht funktioniert. Es gab in diesem Sinn eine sehr schnelle Veränderung im Bewußt sein der Leute. Aber richtig ist schon, dass die Lösungen und Konsequenzen sich nicht von heute auf morgen einstellen werden. Und deswegen müssen wir das mit Ruhe angehen, weil wir das alles nicht schon morgen erreichen werden.

4.Frage An welcher Aktion hast Du als letztes Teilgenommen. Wie war das?

4.Antwort Neulich die Demonstration gegen die Verfassungsreform. Das war vorgestern. Da sind wir von Atocha nach zum Plaza de Colon gelaufen. Das ging gegen diese Reform, die der Präsident Zapatero sich aus dem Ärmel geschüttelt hat, um das Defizit des Staatshaushalts zu reduzieren. Das hat die Leute noch mehr empört. Und nicht nur die der Bewegung des 15. Mai sondern alle Linken. Ich nehme an, dass das Taktik war, weil die Leute kurz nach dem Sommer noch etwas desorientiert sind. Und deshalb waren wohl auch nicht so viele Leute auf der Demo, wie man hätte erwarten können. Dann gab es natürlich auch Zweifel an Demonstrationen dieses Typs. Da fehlte es vielleicht an Phantasie und Kreativität, weil ja später so eine Demo nur wenig zu erreichen vermag. Da müssen wir auch noch besser werden.

5.Frage Es gibt regelmäßig Stadtteilvollversammlung und Nadja, Du hast mir gesagt, das grade jetzt ein Versammlung stattfindet auf dem Plaza de los Carros hier ganz in der Nähe in der Madrider Altstadt. Ach so, nicht um 14.00 Uhr sondern um 12.00 Uhr. Die ist also schon vorbei. Kannst Du mal erzählen, wie so eine Stadtteilversammlung abläuft. Die Versammlungen sind ja ein ganz zentrales Moment der Bewegung des 15. Mai. Was war Deine letzte Vollversammlung, Nadja?

5.Antwort Mhm. Die Vollversammlungen haben eigentlich ihren Ursprung auf dem Plaza del Sol. Und dann entschied man sich dafür, Vollversammlungen auch in den Stadtteilen durchzuführen. Damit die Leute, die zu der Bewegung stießen mehr teilnehmen konnten mehr innerhalb ihres eigenen nachbarschaftlichen, lokalen Bereichs.
Es gibt in den Versammlungen immer eine Vermittlungsgruppe, die sich mit der Zusammenstellung der jeweiligen Tagesordnung beschäftigt und die Wortmeldungen etwas organisiert und die Orte vorbereitet, wo die Versammlungen statfinden. Hier in meinen Stadtteil ist die Versammlung auf dem Plaza de los Carros. Das ist ein offener Raum, aber es ist immer sehr wichtig einen bestimmten Raum für die Versammlung vorzubereiten, um z.B. die anderen Leute nicht zu behinern. Das normale Leben auf so einem Platz soll durch uns nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Wir verwenden dafür z.B. Stoff zur Markierung oder Klebestreifen.
Dann die Beschlüsse auf der Vollversammlung, an der ich teilnehme, werden die NICHT einstimmig verabschiedet. Da gibt es die 1%-Regelung. Wenn bei zweihundert Anwesenden 2 gegen einen Beschluss sind, dann sind das zu wenig, um eine Abstimmung zu blockieren.
Aber eigenlich sucht man schon den allgemeine Übereinstimmung, aber es kam da immer wieder zu kleinen Konflikten. Es kamen z.B. Leute, die vorher noch nicht dagewesen waren und es war gearbeitet worden und Arbeitsgruppen hatten Sachen vorbereitet und das wurde dann plötzlich abgelehnt. Und dann kam man auch nicht weiter, weil es keine anderen Vorschläge gab. Und so kam man dazu, dass man gesagt hat, dass das nicht sein könne. Wir haben nicht alle immer die selbe Meinung, aber wenn nur eine Person etwas nicht mitmacht, dann wird das jetzt im Protokoll festgehalten, und die Person, die eine gegenteilige Meinung hat, wird eingeladen an der Arbeitsgruppe teilzunehmen, um gegebenenfalls Alternativen auszuarbeiten. Um so zu verhindern, dass eine ganze Versammlung durch eine Person blockiert wird.

6.Frage Mit welchen Ideen geht man in eine Vollversammlung und was kommt bei so einer Vollversammlung raus? Gibt es da konkrete Ergebnisse?

6.Antwort Die Versammlung finden jede Woche statt.Dort wird z.B. vorgestellt, was die verschiedenen Arbeitsgruppe gemacht haben. Davon ausgehen, machen die verschiedenen Arbeitsgruppen dann Vorschläge und die Versammlung entscheidet darüber, ob das ein guter oder kein guter Vorschlag ist. Das ist das, was bei einer Versammlung rauskommt.

7.Frage Kannst Du das konkretisieren? Was genau wird z.B. entschieden? Gibt es Entscheidung bezüglich Dingen die vielleicht dann in die Praxis umgesetzt werden? Wird da etwas z.B. über einen neuen Brunnen oder einen Zebrastreifen gesagt? Worüber wird da konkret entschieden?

7.Antwort Darüber wurde mal in einer Ortsgruppe gesprochen. Letzten Monat aber, als ich das letzte Mal bei unserer Versammlung war, ging es mehr darum, die Bewegung überhaupt erstmal sichtbar zu machen und öffentliche Räume zu besetzen. Es wurde zum Beispiel zu öffentlichen Mahlzeiten auf Plätzen hier im Stadtteil aufgerufen. Da sollten alle hinkommen, Essen mitbringen, um gemeinsam an einem öffentlichen Ort zu sein. Der öffentliche Raum sollte wieder von den Leuten eingenommen werden. Da gab es zwei Versammlungen zu, um zu entscheiden wann und wo das stattfinden sollte. Ob morgens oder abends. Ob es Aktivitäten geben sollte für Kinder, eine Werkstatt, eine Bücherei,
In manchen Versammlungen haben wir uns manchmal etwas verfahren, wenn es darum ging Schwerpunkte zu setzen. Manche haben vorgeschlagen sich mehr um Gesetzesänderungen zu kümmern, während andere mehr Wert auf lokale Aktionen legten und Fragen zu beantworten, wie, was der Stadtteil am nötigsten hat. Das Thema der öffentlichen Dienste, das der Öffentlichkeit von Stadtsratsversammlungen. So ungefähr….

8.Frage Dir persönlich, was fehlt Dir auf den Versammlungen? Was ist Dir wichtig? Eher ein allgemein politische Veränderung oder interessiert Dich der Stadtteil mehr?

8.Antwort Ich glaube, dass die Stadtteilarbeit wegen der Gegenseitigkeit sehr wichtig ist. Ich setzte mich für etwas ein und sehe die Ergebnisse und ich sehe das Gemeinsame. Das Gemeinsame der Bewohner eines Stadtteils. Aber dabei darf ich Verbindung zu anderen Stadtteilen nicht vergessen werden. Ich glaube, dass in diesem Sinn einiges hier im Stadtteil passiert ist. Aber wie ich schon gesagt habe, den letzten Monat bin ich bei keiner Versammlunge gewesen.

9.Frage Felipe, Du hast draußen am Balkon ein Transparent hängen. Was steht da drauf? Wie engagierst Du Dich in der Bewegung?

9.Antwort Auf dem Transparent steht, das wir nicht für die gegenwärtige Krise zahlen wollen. Das sollen die Finanzmärkte selber zahlen. Mich trifft die Bewegung des 15. Mai nachdem ich seit Jahren in verschiedenen politischen Gruppen aktiv war. Das Thema der wirtschaftlichen Schulden ist eine Achse, um die sich mein Interesse bewegt. Ich hatte mich vorher engagiert in einer Gruppe die Schulden der Außenhandelsbilanz von Schwellenländern als illegal und ungerecht betrachtet hat. Jetzt sehen wir eine Situation, wo die Verschuldung die Souveränität der Schuldnerländer einschränkt. Wie jetzt Spanien oder wie schon seit Jahrzehnten in Lateinamerika, Afrika und Asien. Das Transparenz geht darauf ein. Und das ist auch einer der Punkte, mit der sich die Wirtschaftsvollversammlung auf dem Plaza de Sol beschäftigt, bei der ich mitmache. Das ist aber nur ein Punkt von vielen. Wir wollen, dass die Bürger wieder Teil nehmen an den Entscheidungen jener, die uns regieren, die ja unsere Repräsentanten sind und keine gottähnlichen Gestalten, die für uns entscheiden können, ohne uns zu befragen. So wie das jetzt bezüglich der Verfassungsreform geschieht.

10. Frage Du hast jetzt von der Wirtschaftsvollversammlung des Plaza de Sol gesprochen. Wie sieht die Verbindung aus zwischen dieser Versammlung und der Stadtteilversammlung, von der Nadia gesprochen hat. Hier auf dem Plaza de los Carros?

10.Antwort Die Bewegung befindet sich immer noch in der Entstehung. Was seinen Ursprung hatte auf dem Plaza de Sol und auf dem Platz dort in der Nähe und wo sich die Arbeitsgruppen und Kommissionen vor allem dort zusammengefunden haben, wurde später, im Sinn einer horizontalen Bewegung, einer Bewegung ohne Hierachien, in die Stadtteile getragen, wie Nadia schon gesagt hat. Es gibt so eine ständige Bewegung von Informationen zum Zentrum und vom Zentrum in die Periferie, in die Außenbezirke, wie Stadtteile und Ortschaften. Es gibt da ein sehr weites Spektrum von internationalen zum lokalen Bereich. Nach London, Lissabon einerseits und dann überregionale Versammlungen mit „interstädtischen Versammlungen“ … und dann eben in jeder Stadt die Stadtteile wie zum Beispiel in Madrid die .. eine allgemein Vernetzung also. Und die verschiedenen Arbeitsgruppen, die an den Versammlungen hängen und versuchen sich ständig auszutauschen, um Initiativen zu schaffen, um zu gemeinsamen Entscheidungen zu kommen. Initiativen können aber auch von Versammlungen ausgehen um sie inhaltlich zu verbessern oder z.B. zu unterstützen. Das ist also ein vielschichtiges und für Veränderungen offenes Geflecht.

11.Frage Was ist die gegenwärtige persönliche Situation? Habt Ihr Lust weiter zu machen oder überwiegen die Zweifel an der Zukunftsfährigkeit der Bewegung?

11.Antwort Ich sehe da zwei Seiten. Einerseits geht es darum, in den Leuten eine Erfahrung entstehen zu lassen, wie man sich horizontal, teilnehmend organisiert. Wie funktionieren Versammlungen und was kann man so erreichen. Und innerhalb dieses Prozesses gibt es immer den Zweifel, ob das effizient ist, nütlich, sinnvoll. Die Frage ist, kann man mittels Organisation, die horizontal strukturiert ist und versucht allgemeine Übereinstimmung in den Beschlüssen herzustellen, eine neue Realität eine bessere Gesellschaft schaffen? Oder wirst Du Dich immer mit dieses typischen Arschlöchern auseinandersetzen müssen, die die Versammlungen blockieren? Das ist eine ständige Sensibilitiserung, wo Du selbst ständig zu sprechen und zuzuhören lernst, wo Du lernst Kompromisse zu machen und Deinen Teil zur allgemeinen Übereinstimmung beizutragen. Das passiert aber auch nicht immer. Da gib es selbstverständlich Zweifel, ob das effizienter ist. Das ist manchmal schöner und interessanter, aber da gibt es dann auch immer diese Schaukelbewegung. Es gibt Versammlungen die gut laufen und andere eben nicht, was die Struktur schwächt. Das bezüglich innerhalb der Bewegung.
Von außerhalb der Bewegung gibt es eine ständige Motivierung, dank der Politiker, die ineffizient, unfehlbar und Dich ständig täuschen. Das ist für die Bewegung des 15.Mai eine ständige Motiviation, um die beschriebenen internen Strukturen zu verbessern und alles zu tun, damit sie nützlich genug sind um weiter zu machen. So gab es gute Entscheidungen gegen die Verfassungsreform und andere Entscheidungen, die Reaktionen darauf waren, das man uns einfach unberücksichtig ließ.
Eine andere wichtige Sache sind die Wahlen am 20 November, wo die Bewegung versucht eine allgemeine Position zu finden, was aber auch überhaupt nicht einfach sein wird. Das ist, wie Du siehst, eine ständige in Bewegung befindliche Auseinandersetzung. Eine nicht endende Entstehung.

12.Frage Die Lust weiterzumachen? Wie sieht es damit aus, Jorge?

12.Antwort Ich glaube, dass das ein illusionierender Prozess ist das Ganze. Aber das nutzt einen irgendwie auch ab. Das ist ein Hindernislauf. Man muss das wie das Leben selbst nehmen und die Dosis verändern. Manchmal etwas mehr manchmal etwas weniger. Aber es gibt genug Leute, damit die Bewegung weiter exisitert. Das geht nicht darum sich zu fragen, dass wenn ich jetzt nicht zu der Versammlung gehe, wird da keiner sein. Das hat es überraschenderweise noch nicht gegeben. Seit dem ersten Tag gab es auf den Versammlungen immer Leute und praktisch alle haben bis heute weitergemacht.

13.Frage … und bei Dir Nadia? Wenn jemand sagen würde, die Bewegung ist am Ende. Es gibt keine weiteren Versammlungen mehr. Würde Dir etwas fehlen?

13.Antwort Ja, ehrlich gesagt, ja. Das war alles wie ein Aufwachen. Da gabs viele, die sich irgendwie unwohl gefühlt haben und vielleicht in kleinen Gruppen darüber gesprochen oder sich zusammengefunden haben. Und jetzt hast Du gemerkt, dass es keine Frage von zwei drei Personen ist. Oder etwas nur in Deinem Freundeskreis. Da ist etwas, was stört, eine Fleck, den wir loswerden wollen.

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.