Was sind Ressentiments
Versuch zu Fragen des Anti-Amerikanismus


Auf www.emanzipationundfrieden.de fand ich einen Artikel über einige Hintergründe zum Thema Anti-Amerikanismus und zu einem innerhalb des Webangebots der Anstifter veröffentlichten Gesprächs mit Andrei S. Marcovitz (->Wikipedia). Besonders haben mir die skizzenhaft vergleichenden Zwischentexte gefallen. Bei aller grundsätzlichen Zustimmung möchte ich die dort geführte Argumentation ergänzen.
Aus meiner Perspektive macht es Sinn sämtliche Kategorisierungen auf ihre Gültigkeit zu hinterfragen (die Linke, die Rechte, das Kapital, die Politik, die USA, die Israelis …)

Allzu schnell bilden wir Abgrenzungs-Bilder von scheinbar ozeanisch getrennten Welten. Z.B. hier die USA, dort das alte Europa. Dabei vereinen uns die Kernthemen, und sind ein Bestandteil einer von der gesamten Aufklärung und Industrialisierung geprägten Bewußtseinsentwicklung.
Das findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern im Zusammenhang mit der „Sozialen Frage“ und hat seinen Ursprung im Menschen selbst, nicht in Systemen.

Der Weg unseres Denkens führte über die Konstruktion der „Nation“, die in der neueren Geschichte eine bedeutende Rolle spielt. Die nationale Abgrenzung im „Wir“ kam historisch vor der des „Ich“.
Es ist Hannah Arendt, die den fortwährenden Kampf beschreibt um das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen. Was der Nationalismus für Gruppen erzeugt, zeigt sich im Egoismus beim Einzelnen. Nation und Ego wachsen jeweils mit der Anhäufung scheinbarer Exklusivität und Eigentum.
Die stattfindenden Aneignungs- und Ausgrenzungsmechanismen sind ein triebhaftes Prinzip und bleiben meistens unter der Schwelle des Bewußten oder sie werden legitimiert durch definitorische Engführung. Wer sagt, „so ist der Mensch eben“, schwört einem sinnvollen Kulturfortschritt ab.

Das findet sich im westlichen Kolonialismus und nachfolgend in der westlichen Wirtschaftsweise. Immer geht es um ideologisch-kulturelle Überlegenheit, um Ein- und Unterordnung in Denkweisen, um Anpassung.
Dazu gehört m.E. auch die historische Ablösung der Religion als zentraler Kulturfaktor durch eine definitorische Begriffsbildung in der Wissenschaft und gleichauf folgend dann die Durchdringung aller Lebensbereiche mit Gesichtspunkten dessen, was man als Funktion, als Funktions-System und als Gewinn betrachtet. Man denke nur an das verbreitete Glaubensverhältnis zum ‚Geld‘.
Was dabei stark und übermächtig erscheint hinterfragt der Einzelne nicht mehr, man glaubt es einfach.

Es handelt sich jedoch um Ideen und ihre Wirkungsmacht, um eine Art geistigen Entwicklungskampf.

Was Sicherheit gibt, bestimmt man als Unabänderlichkeit und sagt, „Das ist so“. Dabei blendet man die widersprechenden Umstände schlicht und einfach aus. (Ich blende hier die vielen greifbaren Fortschritte und Vorteile der Moderne aus.).
Ressentiments scheinen ein Zeichen zu sein für eine Fixierung und Nicht-Bewältigung. Und Bewältigung bedeutet immer Integration und Toleranz von individueller Andersartigkeit.

Es sind die sich fortentwickelnden Verständnisse von menschlicher ‚Freiheit‘ (versus Abhängigkeit), die uns bewegen. Kulturelle Leistungsfähigkeit heißt, individuelle Freiheit entwickeln und schützen zu können, im Rahmen gesellschaftlicher Notwendigkeiten und Möglichkeiten.
Seit Kant und Schiller können wir wissen, daß ohne die frei anerkannte ‚Notwendigkeit‘ (versus Zwang) jede Freiheit in Haltlosigkeiten versinkt.
Eine Haltlosigkeit ist z.B., wenn das eigene Glück nur durch das Unglück und den Nachteil Anderer erreicht werden kann. Freiheitsanspruch ohne Selbstüberwindung führt in unethische Denk- und Handlungsweisen.

Daß es dabei nicht um Vorherrschaft eines Systems und Deutungshohheit (hier völkische Gemeinschaft dort individuelle Freiheit) geht, sondern um kulturell gewachsene Lebensbewältigung unter Bedingungen starker Veränderungen, gerät leicht aus dem Blick. Die Formen dafür sind entwickelbar und längst nicht ausgeschöpft.
Die individuelle Erkenntnis-Anstrengung betrachte ich als Nadelöhr und Voraussetzung für ethisches Handeln. Allzu leicht definiert man sich vor dieser naheliegenden Aufgabe der Selbstverantwortung als zu klein, zu unbedeutend und zu ohnmächtig. Vor dem Hintergrund des doch so berechtigten Wunsches nach einer „guten Welt“ dienen Systeme, Parteien und feindliche Mächte als Sündenböcke. Der eigene tatsächliche Beitrag zur Welt wie sie ist, gerät in Vergessenheit.

„Amerika“ als „Neue Welt“ dient historisch als willkommene Projektionsfläche für bequemen Spannungsabbau durch Ressentiments und unreflektierte Bewertung.
Die Funktionsweise ist dabei unter Anderem ein Absehen von sich selbst durch unstatthafte Verallgemeinerung und Vereinfachung. Man möchte gerne mühelos das Gute haben, es soll von oben kommen.
Dabei muß man als Individuum immer eine Wahl treffen, die eben auch Folgen hat: z.B. zwischen so etwas wie den mythenbildenden Stereotypen aus der massenhaften Hollywood-Action-Filmen und den Gershwin-Interpretationen von den Größen, die der Jazz-Pianist Herbie Hancock um sich versammelt hat.

Für mich nicht wegzudenken ist deshalb die Notwendigkeit einer Erweiterung (!) der Aufklärung. Aufklärung bedeutet, einen lebendigen, lebensnahen Begriff von etwas zu gewinnen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Statt die geltenden Gewohnheiten gläubig nachzubeten gilt es, sich seiner eigenen Bewertungen und Entscheidungen bewußt zu werden. Es geht also um Bewußtseinserweiterung, nicht um dessen alternativlose Engführung und ideologische Anpassung. Lebendige Vielfalt statt Einfalt. Offenheit für Andere und ein selbstkritisches Bewußtsein bedeutet Gewinn, nicht Verlust von Individualität. Dabei hilft nur immer neu: Begriffsklärung, Begriffsklärung, Begriffsklärung.

Ein unreflektiertes Ressentiment beinhaltet dagegen eine einschränkende, voreingenommene, meist verallgemeinernde negative Wertung gegenüber Anderen. Jeglichem Ressentiment ist auch Unkenntnis zu eigen, die sich nicht nur auf den abgewerteten Inhalt bezieht, sondern auch auf einem Mangel an Selbsterkenntnis, also auf einer Ich-Schwäche beruht. Die Person, die sich einschränkend äußert, bemerkt die eingeschränkte Sichtweise meist gar nicht, sondern nimmt-für-wahr, was sie sich vorstellt.

Die Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbsterkenntnis wird schon in der modernen Quantenphysik als notwendige Voraussetzung beschrieben und bedeutet: Der Betrachter verändert durch seine Betrachtung das, was er betrachtet. Niemand steht außerhalb und alle sind Bestandteil derselben Einen lebendigen Welt. Die Abgrenzung, die zu jeder bewußten Entscheidung und individuellen Aktivität gehört, ist demgegenüber kein Widerspruch.

Es lohnt sich, den Begriff des Ressentiments noch genauer anzuschauen.

„Ressentiment“ (franz.) bedeutet das Nacherleben eines Gefühls Schlecht-weg-gekommen-zu-sein, eines Ohnmachts- und Unterlegenheitsgefühls. So etwas entsteht, wenn das Gefühl abnimmt, das man selbstwirksam seine Lebensumstände „in Freiheit“ verändern kann. Das kann an unangemessenen Ansprüchen liegen und/oder an Lebensbedingungen, die einschränkend sind.
Die Bedingungen zur Beurteilung, was angemessen ist, ist ein zentrales Problem.

Es gibt dabei keine Ausschließlichkeit zwischen „Ich“ und den „Verhältnissen“, sondern beides hängt untrennbar zusammen. Jedenfalls schafft das Erleben eigener Schwäche gegenüber etwas Mächtigem oder Bedrohlichem den Drang, das Bedrohliche abzuwerten, um sich selbst wieder besser zu fühlen. Ressentiments nehmen mit dem Grad der erlebten Bedrohung zu. Und mit der Abnahme der Bedrohung nimmt steigen auch wieder Einverständnis und Toleranz.

Ressentiments sind ein psychologischer Trick, etwas zu ändern, ohne sich selbst verändern zu müssen. Das funktioniert im Einzelnen und durch Bildung von Gruppen und manchmal Feindbildern (die Schwaben, die Deutschen, die Reichen, die Borussen, die S21-Gegner, …). Wir sind uns einig, zu den Guten, ja sogar zu den Besseren zu gehören.

Das ist besonders von Bedeutung, wenn das Verhältnis von erlebter Veränderung und Möglichkeit zur Bewältigung aus der Balance gerät. Man denke nur an die täglichen Nachrichten, die Zufriedenheit mit den Lebensverhältnissen.

Deshalb ist die Betonung von Angst, Mangel und Unsicherheit – stabilisiert durch einseitige oder fehlende Bildung – ein probates Mittel parteilicher Machtausübung weltweit. Das Ressentiment lenkt die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit des Schutzes vor den Fehlern und Mängeln Anderer.
Das Eigene rückt in ein selbstgefälliges „Recht“ und besseres Licht.
Bestätigung sucht und findet man in der eigenen sozialen Gemeinschaft, bzw. Partei. Das Heils-Versprechen zählt. Jede/r möchte in dieser Art „Wir-Gefüge“ Teil des Besseren sein. Zugespitzt darf man sich eine Hühnerleiter und die dazugehörige Hackordnung vorstellen. Huxley hat das in „Farm der Tiere“ entlarvt.

Die solchermaßen gepflegten Leidenschaften richten sich, selten wirklich bewußt böswillig, gegen Andere und ein Außerhalb, das auch draußen bleiben soll. Denn in der Einheit bricht ja die Illusion des eigenen Besser-seins in sich zusammen.
So gepflegtes Mißtrauen, Neid, Gier und Mißgunst sind also nicht ‚typisch‘ für das „alte Europa“, es sind menschliche Schattenphänomene und viele stehen an dieser Schwelle, überall, wo moderne Menschen sich befassen.

Die Aktivität demgegenüber – um das positiv Mögliche nicht vorzuenthalten – ist die innere Bewutßseinsarbeit, die in der Bereitschaft liegt, auf vorschnelle und verallgemeinernde Bewertungen zu verzichten, Begriffe lebendig zu halten, genauer hinzuschauen, zu unterscheiden, zu integrieren, selbstbewußt, selbstkritisch, gnädig, vertrauensvoll, aufmerksam und wertschätzend zu sein, usw..

Es mag altmodisch wirken, hier auf Tugenden zu sprechen zu kommen, aber alle Autoren, seit Urzeiten beschreiben die Notwendigkeit ihrer Ausbildung. Und jede Weltgegend und Zeit hat darauf nützliche Antworten parat. Man muß sie nur wählen und sich dazu entscheiden.

In diesem Sinne finde ich die Zusammenfügung von möglichst vielen Tugenden wünschenswert: amerikanische Tugenden in dem Land in dem ich lebe und europäische Tugenden in den USA. Nicht zu vergessen afrikanische und asiatische Tugenden. Es geht um das, was wir mit Menschlichkeit meinen. Ich glaube fest an die Möglichkeit neuer Tugenden im gesellschaftlichen Zusammenleben. Offenheit gegenüber Einwanderern, Förderung von Kindern und jungen Menschen durch gute Bildung, Alterssicherung, eine Anerkennung individueller Freiheit und gleichermaßen gemeinschaftlicher Notwendigkeiten, Lebenswürde auch für Schwächere, intelligente, kundige überparteiliche Wahrung des Gemeinwohls, Steuer auf Verbrauch, statt auf Einkommen, Eindämmung des Raubrittertums, Trennung von Arbeit und Einkommen, strenge Gewaltenteilung, harter Freiheitsentzug gegen jegliche Korruption, stärkere Belohnung unmittelbarer Dienstleistungen, Trennung von Staat und Kirche, Freiheit im Denken, Gleichheit im Recht, Brüderlichkeit im Wirtschaften. …

Das führt dann auch zu einer Relativierung sämtlicher –ismen, auch die des Anti-Amerikanismus.

Kai Hansen

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.

Ein Gedanke zu „Was sind Ressentiments: Versuch zu Fragen des Anti-Amerikanismus

  1. Eine Tugend kann es schon sein, sich nicht auf eine Nationenangehörigkeit und den damit verbunden Chauvinismus stützen zu müssen. Das setzt Selbstfindung voraus, die Einsicht in notwendige Selbstweiterentwicklung fordert und das damit verbundene Meistern des Lebens in das man sich hineingestellt manchmal auch -manövriert hat. Oft sind Abgrenzungen und Abwertungen eine Projektion, die daraus resultiert, seinen Mann oder Frau nicht gestanden zu haben, aber nicht wegen äußerer Begrenzungen sondern stets wegen verpaßter Gelegenheiten. Wir prägen die Gesellschaft, die Gesellschaft längst nicht mehr uns. Suchen wir also die Fehler nicht mehr bei anderen, jeder findet den Anti-Antiamerikaner oder Anti-USA-ler in sich. Ich will ihn endlich stellen, den Antidings in mir. Weil ich Mitteleuropäer bin, der siamesisch mit diesem Nordamerika und seinen Siedlern eng verbunden ist.

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