London – 1×1 der Gewinnergesellschaft

Was in England derzeit vorgeht, muß beunruhigen. Die Lebens-Qualität in der Gewinner-Gesellschaft nimmt ab und Bedrohungen wie aus einem scheinbaren Nichts wachsen. Wie ein Flächenbrand breitet sich eine kaum zu beruhigende Gewalttätigkeit aus. Eine neue Dimension ist, daß diese Gewalt keine Richtung kennt, sondern wild um sich schlägt.
Seltsamerweise wird alles getan, um Ratlosigkeit zu vermeiden. Dabei muß es irritieren, wenn randalierende Jugendliche, aber auch Erwachsene ihre eigenen Stadtviertel auseinander nehmen, statt sich gegen ein auserkorenes Feindbild zu wenden.

Verfolgt man die Berichte, wird die Situation als eindeutig dargestellt und das wird auch wie ein Mantra über den Äther verbreitet: Für diese Ausschreitungen gibt es keinen Grund. Es handelt sich um kriminelle Energie und Lust zu sinnloser Gewalt. Die mögliche Reaktion darauf scheint im Sinne des Wortes ein-deutig: Härte. Und sei es auf Kosten eines Schritts, den man nur aus totalitären Systemen kennt: Ausgangsperren und Einsatz des Militärs zur Sicherung der inneren Ordnung

Was ist aber, wenn diese „innere Ordnung“ mehr und mehr darin besteht, daß eine Bildungselite sich größtenteils selbstbezogen mit der Maximierung der Gewinne ihrer elitären Grüppchen beschäftigt und das Gemeinwohl und den Zusammenhalt der Gesellschaft aus den Augen verloren hat? Trifft man sich in Davos und parliert über die Fehler von Schurkenstaaten?

Solche Entwicklungen, wie derzeit in England könnten in Europa zunehmen. So etwas mag „wie aus dem Nichts“ erscheinen, hat aber eine Geschichte, hat einen Ursprung. Das zu leugnen, deutet bereits auf eine verursachende Fehlleistung der politischen Führung hin. Es ist die Aufgabe der Politik und der gebildeten Verantwortungsträger, Bedingungen zu schaffen, die den auskömmlichen Zusammenhalt jeder Gesellschaft und ihrer Teil-Gemeinschaften ermöglichen und sicherstellen. Wer das vernachlässigt, führt über über kurz oder lang in die Zerrüttung. Dafür tragen im Prinzip alle Bürger Mitverantwortung, und sei es durch schweigendes Mittragen von Fehlentwicklungen.

Wenn das auch nur teilweise zutrifft, dann sind die Brandstifter diejenigen, die über die Bildung und die Mittel verfügen, Systeme zu steuern und zu beeinflussen. Diejenigen, die über zu viel Staat klagen, sind die ersten, die nach dem Staat rufen, damit die „innere Ordnung“ zu ihrem eigenen Schutz wieder hergestellt wird. Die sogenannten „Rettungsschirme“ die in diesen Etagen in Anspruch genommen werden, sind es, welche die verfügbaren Gelder wegsaugen, die benötigt werden, um ein funktionierendes, auf Gemeinwohl basierendes Wirtschaften und Zusammenleben zu organisieren.

Die Abhängigkeit des politischen Systems von sogenannten Eliten, die als zunehmend selbstbezogen und verantwortungslos erlebt werden und die ständig steigende Gewinnabschöpfung in private Taschen, bei abnehmender Reinvestition und Dienst am Gemeinwohl – das muß das Gefüge jeder Gesellschaft auf Dauer zerrütten. Wer hier eine Neiddiskussion vermutet, hat Scheuklappen.

Die Zeit ist vorbei, sich auf ausgetretenen Finanz- und Industrie-Wegen auf die Gewinnzuwächse der Wenigen zu fixieren. Wenn es zu neuem Wachstum kommen soll, dann braucht es neben den technischen auch grundlegende sozialpolitische Innovationen. Ein breites gesellschaftliches Umdenken ist nötig. Jedes tumbe auf die nächsten Wahlen oder Quartalsbilanzen hin fixierte „Weiter so“ ist zerstörerisch und führt zu weiteren moralisch-mentalen Zersetzungserscheinungen.

Kai Hansen

Über Burkhard Heinz

Ich bin seit vielen Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Medienbeobachtungsunternehmens mediatpress®. Die von mir verfassten Beiträge beschäftigen sich mit den Themen Medien, Kommunikation und Journalismus. Artikel, die auf dieser Website zu lesen sind und nicht von mir stammen, geben nicht immer auch meine Meinung wieder.

2 Gedanken zu „London – 1×1 der Gewinnergesellschaft

  1. Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman schreibt in der NYTimes am 10.6.2011:“Die politischen Entscheidungsträger bedienen – ob bewusst oder unbewusst – fast ausschließlich die Interessen der Kapitalbesitzer, die aus ihren Vermögenswerten gewaltige Einkommen beziehen. Und die in der Vergangenheit – häufig unbesonnen – viel Geld verliehen haben, jetzt aber zulasten aller anderen vor Verlusten geschützt werden.“
    In der LMDiplomatique ist dazu 07/2011 zu lesen: „Das alles bestätigt eine Tendenz, die bereits seit zwei Jahrzehnten zu erkennen ist: die Verlagerung der realen politischen Macht in Bereiche jenseits jeder demokratischen Legitimation. Bis die Empörten sich zur Wehr setzen, was gerade geschieht.“

  2. Zerrüttung wird nicht alleine dadurch aufgehalten, dass Erziehung und soziale Einrichtungen mit dem Geld ausgestattet werden, das jetzt gerade via Rettungsschirme in falsche Hände gerät. Man sprach die letzten Jahre bei Somalia und Afghanistan von failed States. Doch treten die Symptome auf vielfältige Weise an mehreren Stellen auf, die zunächst in diesen angeblich reichen Staaten ausgeschlossen erscheinen. Es handelt sich in der Regel um menschliche Naturkatastrophen, die über uns hereinbrechen und die in der Regel mit einer überforderten oder vereinseitigten Psyche zu tun haben und sich gegen den eigenen Lebensbereich, die eigene Gesellschaft richten. Man könnte jetzt beginnen Entwicklungshilfeprojekte in sogenannten reichen Ländern zu starten, aber die 70er Jahre kommen nicht wieder. Wir erleben ein Sich-Ablösen der alten Wirklichkeit und ein schrittweises Ersetzen durch eine neue. Neue Qualitäten werden sich emanzipieren: Netzwerkfähigkeit, leben unterhalb der materiellen Standards, ausgestattet mit erarbeiteten Vitalitäten, bei Zielen, die die heutigen Mittel weitestgehend unnötig machen. Dann werden die Reichen mitsamt dem vernachlässigten Teil der Gesellschaft nach und nach weichen, während wenige sich herausarbeiten und neue soziale Inseln schaffen werden. Keine angenehme aber vielleicht eine tragfähigere Perspektive. Der neue soziale Zusammenhalt wird ohne Geld zu gestalten sein.

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