Fátima

Francisco Ayala ist in Spanien als Schriftsteller und, im besten Sinn des Wortes, als älterer Herr bekannt. Er verstarb im November 2009 im hohen Alter von 103 Jahren.
Bis zuletzt überraschte er immer wieder durch seine geistige Frische und seine Eleganz. Körperlich waren die letzten Jahre für ihn nicht so einfach. Er war auf eine Pflegerin angewiesen. Fátima aus Marokko. Francisco Ayala war Fátima nicht nur dankbar für ihre Arbeit, er schätzte sie sehr.
Integration von Menschen aus Enwicklungsländern, aus Nordafrika, Asien oder Lateinamerika ist uns ein Anliegen, aber diese Bemühungen sind häufig nur der Reflex auf Menschen, die wir als außenstehend, nicht vollwertig, minderbemittelt oder gar minderwertig wahrnehmen. Aufgrund der Abwesenheit dieses Reflexes bei Francisco Ayala war es für ihn nur konsequent, Fátima vor allem als Mensch, als Frau, als Person, als Glücksfall wahrzunehmen und auch über dieses Glück zu sprechen.
Am Tag seines Todes frühstückte Ayala, wie immer, spät und reichlich. Danach setzte er sich die Sauerstoffmaske auf, die erschon nach einer halben Stunde wieder abnahm. „Warum nehmen Sie sich die Maske ab, Don Francisco?“ soll seine Pflegerin Fatima ihn gefragt haben. „Weil ich sterben werde“, soll Francisco Ayala geantwortet haben. „Wann?“, fragte Fátima. „Jetzt.“ Dann nahm er Fátimas Hände, küsste sie dreimal und bat um Verzeihung. „Für alles.“
Francisco Ayala sei gestorben wie er gelebt habe: klar. Es war selbstverständlich, dass Fátima während des Begräbnisses ganz vorne, an der Seite von Carolyn Richmond, der amerikanischstämmigen Frau Ayalas, ging.
Francisco Ayala gehörte zur „Generation 27“, einer Gruppe von Autoren, zu der neben anderen auch Federico García Lorca, Rafael Alberti und Vicente Aleixandre zählten. Ayala arbeitete mit in der von José Ortega y Gasset gegründeten Zeitschrift „Revista de Occidente“, verlor Vater und Bruder im spanischen Bürgerkrieg, ging 1939 ins Exil und kehrte nach dem Tod Francos 1976 nach Spanien zurück. Deshalb waren Juan Carlos I und Sophia, die spanischen Könige, amtierende Minister und ehemalige Regierungsmitglieder, Schriftstellerkolleginnen und -kollegen bei dem Begräbnis selbstverständlich anwesend. Eine große Ehre wird es für Francisco Ayala gewesen sind, dass alle, Intellektuelle, Minister und Ministerinnen, König und Königin sich auch vor Fátima verneigten, um ihr ihr Beileid ausdrückten. (bkh)