S21
Stellungnahme der Waggons zur Kündigung der Bahn auf Ende Januar.

Wir, die Ateliergemeinschaft Bauzug 3yg – „Waggons Nordbahnhof“ haben am 13. Januar 2011 eine Räumungsaufforderung der „DB Services Immobilien GmbH“ für das gesamte Gelände zum 25. Januar 2011 erhalten. Als Grund wird der Vegetationsrückschnitt auf dem Gelände genannt, welcher bis Ende Februar 2011 abgeschlossen sein soll. In Anbetracht der wenige Tage zurückliegenden mündlichen Genehmigung zur Weiternutzung des Geländes – bis zum Sommerbeginn – seitens der Deutschen Bahn, kam diese Aufforderung für uns völlig unerwartet. Eine Räumung des Geländes bis Ende Januar ist nicht nur aus technischen und organisatorischen Gründen schlichtweg unmöglich, sondern bedeutet für knapp dreißig Künstler und Künstlerinnen den plötzlichen Verlust ihrer Atelier-, Wohn-, und Veranstaltungsräume und somit ihrer Arbeits- und Schaffensgrundlage.

Das Projekt „Waggons am Nordbahnhof“
Seit 1999 besteht das Projekt „Bauzug 3yg“ in zwanzig ausrangierten Eisenbahnwaggons und einem dazugehörigen Haus am Stuttgarter Nordbahnhof. Das Projekt ist über die Jahre zu einem wichtigen Bestandteil der Stuttgarter Kunst,- und Subkulturszene geworden und gilt vielen Menschen als ein besonderer Ort in Stuttgart . Selbstverwaltet und unter dem Dach des Trägervereins „Stups e.V.“ organisiert, haben sich „die Waggons“ von einem ArchitektInnenprojekt zu einer freien Ateliergemeinschaft entwickelt und in Stuttgarts Subkulturszene etabliert. KünstlerInnen, MusikerInnen, SchauspielerInnen, RegisseurInnen, FotografInnen, DesignerInnen, SzenographInnen, BildhauerInnen, FigurenspielerInnen, MalerInnen, GrafikdesignerInnen, PerformancekünstlerInnen, TexterInnen, und viele Kunst – und Kulturschaffende mehr arbeiten hier frei, eigenständig oder in Kooperationen an der Umsetzung verschiedenster Projekte. Einige unter ihnen arbeiten mit öffentlichen Jugendeinrichtungen zusammen, unterrichten als DozentInnen an Kunst- und Medienakademien oder an verschiedenen Theatern Stuttgarts. Die Ausstellungen, Kunstweihnachtsmärkte und Musikfestivals, die in den letzten Jahren auf dem Gelände entstanden sind haben sich auch international zu einer Plattform für Kunst – und Kulturschaffende entwickelt und haben darüber hinaus eine wichtige Bedeutung als Ort der Begegnung, des Austauschs und der Inspiration erlangt.

Zur aktuellen Situation
Bereits seit September 2010 haben wir keine der gewohnten befristeten Vertragsverlängerungen mehr erhalten. Es wurde uns lediglich mündlich zugesichert, das Gelände bis Anfang Sommer, sprich 22. Juni 2011, weiternutzen zu können. Bereits zum zweiten Mal innerhalb zweier Monate wurden diese Zusicherungen von der „DB Services Immobilien GmbH“ verworfen. Die erhaltene Räumungsaufforderung hat insbesondere deshalb große Irritationen und Verunsicherung an den Waggons ausgelöst, weil sich die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen der Ateliergemeinschaft und der Deutschen Bahn in den letzten Jahren als fruchtbar und tragfähig erwiesen hat: So wurden wir bisher immer frühzeitig über geplante Maßnahmen auf dem Gelände in Kenntnis gesetzt, getroffene Absprachen wurden von beiden Seiten verlässlich in die Tat umgesetzt und zugesicherte Vertragsverlängerungen haben wir stets zeitnah und unbürokratisch in schriftlicher Form erhalten. Dies ist nicht zuletzt dem bemerkenswerten Engagement unseres zuständigen Sachbearbeiters bei der „DB Services Immobilien GmbH“ zu verdanken, welcher immer bemüht ist, in positiver Weise zwischen uns und der Planungsebene bei der Bahn zu vermitteln. Wir bedauern, dass in jüngster Vergangenheit die Kommunikation zwischen uns und der Deutschen Bahn von weniger Transparenz und die getroffenen Vereinbarungen von weniger Zuverlässigkeit geprägt zu sein scheinen.

Die Folgen der Räumungsaufforderung
Die Folgen der Räumungsaufforderung für die MieterInnen der Ateliergemeinschaft „Waggons“ sind drastisch. Kaum jemand auf dem Gelände verfügt über Ausweichmöglichkeiten, eine fristgemäße Räumung würde die Künstler und Künstlerinnen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Straße setzen. Die laufenden Arbeitsprozesse müssen zum wiederholten Male ausgesetzt oder
abgebrochen werden – ein Umstand, der Energie und Geld kostet. Diejenigen Mieter und Mieterinnen, die sich derzeit im Rahmen ihrer Engagements im Ausland befinden, sind angesichts der Situation stark verunsichert und müssen verfrühte Rückreisen in Betracht ziehen. Eine weitere Konsequenz ist der schleichende Glaubwürdigkeitsverlust der Veranstalter des Kulturareals in der
Zusammenarbeit mit externen Künstlern und KünstlerInnen. Bestätigte Bookings und geplante Veranstaltungen müssen aufgrund der Räumungsaufforderung zum wiederholten Male abgesagt werden. Seit Monaten brodelt die Gerüchteküche über das „Ende der Waggons“ und das Publikum
kann Meldungen bezüglich Kündigungen inzwischen nur noch bedingt ernst nehmen. Unter den gegebenen zeitlichen Rahmenbedingungen ist weder an ein produktives Arbeiten auf dem Gelände im Allgemeinen, noch an die effektive Erarbeitung realisierbarer Nachfolgekonzepte zu denken – genau dies ist aber elementar wichtig für das Weiterbestehen des lebendigen künstlerischen Potentials am Nordbahnhof und in Stuttgart allgemein. Wir sehen uns deshalb
veranlasst, unser Anliegen öffentlich zu machen.

Stuttgart21 und die Waggons
Nicht nur als Betroffene kritisieren wir die gesellschaftlich bedingte Verdrängung und Verbannung nichtkommerzieller, subkultureller Kleinode aus den Stadtzentren. Angesichts der Polarisierung der Öffentlichkeit im Hinblick auf das Bauvorhaben „Stuttgart 21“ und des Protests gegen das Großprojekt, halten wir es für notwendig, unseren neutralen Standpunkt in Bezug auf „Stuttgart21“ zu unterstreichen. Dieser ist einerseits der Vielzahl divergierender
persönlicher Positionen auf unserem Areal geschuldet und andererseits lässt sich aus unserer Sicht der entstandene Konflikt nicht auf das Bauvorhaben „Stuttgart21“ reduzieren. Denn paradoxerweise hätte ohne die Aussicht auf die Nutzung des Areals im Rahmen von „Stuttgart21“ ein Verkauf der Gleisflächen an bestbietende Investoren aller Wahrscheinlichkeit nach schon viel früher
stattgefunden. Die Waggons sind zwar durch das städtebauliche Großprojekt bedroht, konnten sich andererseits aber auch in dessen Windschatten über mehr als ein Jahrzehnt ungestört zu der Oase im urbanen Raum entwickeln, die sie heute ist. Deshalb fordern wir sowohl ProjektgegnerInnen als auch ProjektbefürworterInnen auf, sich den Forderungen in dieser Stellungnahme anzuschließen und sich deutlich gegen eine Innenstadt ohne Subkultur auszusprechen.

Fazit
Daher legen wir hiermit öffentlich Widerspruch gegen die Räumungsaufforderung der Bahn ein. Wir unterstreichen noch einmal unsere Forderung nach einem Weiterbestand der Waggons bis zum letztmöglichen Zeitpunkt. Die Waggons dürfen erst verschrottet werden, wenn alle Möglichkeiten für ein Fortbestehen ausgeschöpft sind. Wir fordern die Bahn auf, sich an die gemachte Zusage zu halten und den Mietern und Mieterinnen
des Areals einen geordneten Rückzug bis mindestens Anfang Sommer diesen Jahres zu ermöglichen und ihnen somit ausreichend Zeit für die Ausarbeitung möglicher Nachfolgekonzepte zu gewähren. Das künstlerische und kulturelle Potential am Nordbahnhof darf nicht atomisiert werden. Wir fordern deshalb alle Akteure aus Politik und Kultur auf, sich aktiv an der Entwicklung möglicher
Ersatzlösungen für unsere Ateliergemeinschaft zu beteiligen. Wir bitten die Menschen in Stuttgart und überall, diese Forderungen zu unterstützen, damit unser Anliegen dort wahrgenommen wird, wo etwas bewirkt werden kann.

Die Waggons unterstützen
Sie können die Waggons durch eine Spende oder durch den Kauf eines unserer gedruckten Portfolios unterstützen. In den folgenden Tagen finden Sie auf dieser Seite Hinweise zum Spendenkonto und einen Online-Versand für das gedruckte Portfolio.