Herta Müller und Ernest Wichner zu Oskar Pastior und seiner Tätigkeit als IM (Burkhard)

Einleitung:

FAZ (18.9.2010): „Büchner-Preisträger Oskar Pastior hat in den sechziger Jahren für den rumänischen Geheimdienst gearbeitet. Ernest Wichner, sein langjähriger Freund und bester Kenner seines Werks, hat Pastiors Securitate-Akte für uns gelesen. In Oskar Pastiors Bukarester Securitate-Akte (R 249.556) findet sich eine handschriftlich verfasste und ebenso unterschriebene Verpflichtungserklärung vom 8. Juni 1961: „Unterzeichneter Pastior Capesius Oskar Walter, geboren am 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, von Beruf Reporter, zur Zeit beim Rundfunk beschäftigt, wohnhaft in Bukarest, habe im Rahmen der Untersuchung zugegeben, Gedichte feindlichen Inhalts geschrieben und diese bei verschiedenen Personen verbreitet zu haben. Mir ist bewusst, dass diese meine Tätigkeit strafbar ist, und ich bitte die Organe der Securitate um die Möglichkeit, mich zu rehabilitieren und durch konkrete Taten meine Aufrichtigkeit und Loyalität gegenüber dem demokratischen Regime in der RVR zu beweisen. Ich werde alle Anstrengungen unternehmen, um dem Regime feindlich gesonnene Elemente zu entlarven. Die Informationen werden ehrlich und objektiv sein, und ich werde nichts von dem, was ich erfahre, verbergen, unabhängig von der Person. Die Informationen werden schriftlich sein, und ich werde sie mit Stein Otto unterzeichnen. Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse niemand anderem anvertrauen, und im Falle der Nichtbefolgung dieser Verpflichtung bin ich einverstanden, entsprechend den Gesetzen der RVR bestraft zu werden. …“

Aus einem Interview der Frankfurter Allgemeinen mit Herta Müller vom 17.09.2010

Faz: Was war Ihre erste Reaktion auf den Inhalt [der Enthüllung]?
Herta Müller: Meine erste Reaktion war Erschrecken, auch Wut. Es war eine Ohrfeige. Je genauer mir Stefan Sienerth und jetzt Ernest Wichner die Einzelheiten schilderten, umso mehr überkam mich das Gruseln. Die Akte zeigt wie ein finsteres Gemälde das Rumänien der fünfziger und sechziger Jahre. Die Gefängnisse waren voll. Der aus dem Lager heimgekehrte Pastior, Kistennagler und Bauarbeiter, konnte endlich in Bukarest studieren. Er wollte wieder in die Normalität, mit einem müden, sturen Eigensinn sein Leben selbst in die Hand nehmen. Aber es wurde ihm wieder konfisziert. Die Akte zeigt ihn von allen Seiten umzingelt. Auch mehrere Hochschullehrer bespitzeln ihn. Der Hauptspitzel steigert sich in die Denunziation hinein. Seine Berichte sind so gemein, dass es einen schaudert. Er war homosexuell, wie Pastior. Man fragt sich, ob er Rache nimmt aus persönlichen Gründen. Nach dem Überleben des Arbeitslagers wurde Pastior zum Staatsfeind, weil er für fünf Jahre Qual an die sieben Gedichte darüber schrieb, Gedichte, die er innerlich so nötig hatte. Aus diesen Lager-Gedichten hat man ihm den Strick gedreht: „antisowjetisch“, das reichte. Um sich vor der Verhaftung zu schützen, hat Pastior eine IM-Erklärung unterzeichnet. Aus dem Lager heimgekehrt wurde er statt frei vogelfrei. Meine zweite Reaktion auf den IM Pastior war Anteilnahme. Und je länger ich die Details hin und her drehe, umso mehr wird es Trauer.

Aus einer Veranstaltung des Stuttgarter Literaturhauses vom 09.12.2010 in der Liederhalle:

Mitschrieb 09.12.2010
Ernest Wichner: Warum hat Pastior auch uns beiden gegenüber geschwiegen? Dass er sieben Jahre lang als IM-Spitzel geführt wurde. In der [Stuttgarter] Ausstellung [im Literaturhaus] gibt es Notizen und Vermutungen über seine IM-Tätigkeit. Es geht um einen ganzen loszuwerdenden Ethikkomplex. Als er in Deutschland ankommt, hat er sich den westlichen Geheimdiensten offenbart. Er hat, so sehe ich das, sehr ausführlich berichtet, was er getan hat. Denn nur Leute, die das ausführliche getan haben, haben dann auch mit den anderen Diensten gesprochen, weil man es ihnen nahegelegt hat. Es gibt drei Berichte, die mit Stein Otto unterzeichnet sind. Zwei Berichte beziehen sich auf Dieter Schlesak. Der Bericht von 1966 kenne ich. IM Stein Otto sagt, dass Dieter Schlesak sich für die moderne Literatur interessiert. Für die Werktätigen dieses Landes seien diese Gedichte nicht von Bedeutung. Dieter Schlesack schätzt diesen Text sehr dramatisch ein, weil es für ihn durchaus mit der Todesstrafe hätte geahndet werden können. Das ist, so Ernest Wichner, vollkommen überzogen. Die Mitteilung an den Führungsoffizier war nicht in Ordnung. Der Inhalt der Mitteilung hatte und konnte aber 1956, 1966 keine Folgen haben.
Herta Müller: Wenn es so gewesen wäre, dann wäre es schlimm gewesen. Die Berichte, die wir kennen sind es nicht. Es können noch andere Berichte auftauchen, die schlimm sein können, aber diese sind es nicht. Oskar Pastior ist in diesem Sinn eine wunderbare Beute. Pastior ist nicht das, als was er mitunter dargestellt wird. Es muss darüber gesprochen werden, aber man soll es nicht übertreiben. Es gibt andere Spitzel, die auch hier in Deutschland leben, die die IM-Erklärung ohne Gefahr unterschrieben haben. Pastior hatte keine andere Wahl. 20 Jahre Lager oder unterschreiben. Andere sind hier her gekommen, die nur für Privilegien mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet haben. So war es in den Fabriken, in Frisörläden und so weiter. Das Land war durchsetzt von Spitzeln. Das ist schlimm. Leute kommen hier her, profitieren von der Menschenrechtslage, geneißt die Annehmlichkeiten, gutes Essen, Verkehrsmittel funktionieren, was es in R. nicht gab. Und dann sind die Leute hier und bedienen weiter den kriminellen Dienst in R. Man spricht nicht über diese Leute, weil man sie nicht kennt. Pastior aber kennt man, man redet also über ihn und deshalb scheint er Gefahr zu laufen zum dunkelsten Spitzel zu werden. Die anderen Unbekannten lebten hier und haben bis zum Zusammebruch des Regimes mit diesem zusammengearbeitet, wo man die Zusammenarbeit doch mit der Ausreise hätte abbrechen können. Ehemalige Professoren, die Leute aus der Landmandschaft, Gymansiallehrer sind hier, aber wir reden nur über Oskar Pastior…….