„Heim nach Böhmen“ ein Film von Vaclav Reischl (Fotograf, Filmemacher und Stuttgarter Anstfter)

wird in Dresden und Ústí nad Labem (CR) gezeigt.

Mi. 3.11., Ústí nad Labem – Filmový klub Aula (CR)

Do. 4.11., Dresden – Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen
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Václav Reischl, ein tschechischer Filmemacher, geboren 1947 im südböhmischen Vetríni und seit 35 Jahren in Stuttgart lebend,
stellt seinen Dokumentarfilm über drei Heimatsuchende vor: Da ist der Bäcker aus dem Böhmerwald- Dorf Buchers,
der nach Schwabach gehen musste und sich mit den Tschechen konfrontiert sieht, die heute in seinem Dorf wohnen.
Da ist der Mönch, der zurückgeht in seine alte Heimat, dort seelsorgerisch tätig wird und nach und nach das Vertrauen
der heute dort lebenden Menschen gewinnt. Und da ist der vertriebene deutsch-böhmische Adlige, der das Schloss
seiner Vorfahren besucht und erleben muss, dass es heute einen anderen Besitzer hat, der es wieder renoviert.
Reischls zweisprachiger Film (dt./tsch., 59 min) zeigt, wie wenig beide Seiten voneinander wissen, welche Vorurteile
überwunden werden müssen und welche Wege der Versöhnung es heute „heim nach Böhmen“ gibt.
Interview mit Václav Reischl:
Wie und wann kam es zu Ihrer Entscheidung Fotografie zu studieren?
Ich war drei Jahre in der Fabrik Velešín, wo ich als 15-jähriger Junge „als Belohnung“ (weil mein Opa
Bäcker war, d.h. nach den Kommunisten ein Ausbeuter der Arbeiterklasse!). Ich war mir bewusst,
dass es eine Strafe ist und um nicht verrückt zu werden, habe ich angefangen zu fotografieren.
Im Jahre 1973 haben Sie sich entschieden aus der von der sowjetischen Armee okkupierten
Tschechoslowakei zu emigrieren. Könnten Sie mehr dazu sagen?
Umgekehrt! Ich bin in der Okkupationszeit 1968 (wenn viele weggingen) aus England zurückgekehrt,
vier Jahre an der Filmschule (FAMU) studiert und zugleich die tschechische Gesellschaft beobachtet,
nämlich wie sich die Kampfeinstellung nach der Revolution in eine Kollaboration, die s.g. Normalisierung wandelt.
Ich habe damals vieles kapiert, wie es wohl im Protektorat (1939-1945) gelaufen war und dass in den solchen extremen
Situationen sehr wenige Helden sind.
Deswegen bin ich im Jahre 1973 emigriert, habe 3 Jahre Haft in der Abwesenheit bekommen und
musste dann sehr aufpassen, als ich als selbstständiger Fotograf für deutsche Firmen in aller Welt
(Europa, Asien, USA) arbeitete, dass kein Flugzeug eine Notlandung im „Bruderland“ hat und ich
somit nicht in die Heimat „zurückkehre“ und dafür im Gefängnis sitzen bleibe.
Sie arbeiten seit mehreren Jahrzehnten mit dem ebenso in Stuttgart lebenden Fotografen und Filmemacher
Juraj Lipták zusammen. Welche Werke entstammen dieser Zusammenarbeit? Wie finden Sie diese Zusammenarbeit?
Mein Freund Juraj Liptak studierte gemeinsam mit mir in Prag und es ist ihm gelungen drei Jahre
nach mir zu emigrieren. Wir haben in Stuttgart das Studio „Bild und Filmproduktion“ gegründet und
ganze Reihe von Filmen gedreht, aus denen manche schon in deutschem Fernsehen oder bei nationalen oder
internationalen Festivals gelaufen sind und dort preisgekrönt wurden.
Mit welchen Grundthemen befassen Sie sich in Ihren Filmen? Hat sich das irgendwie entwikkelt?
Wahrscheinlich in fast allen meinen Filmen beschäftige ich mich mit der Thematik “Suche nach der
Wahrheit, Heimat, anständige Menschenwege” in der materialistischen Gesellschaft, deren Werte oft
irreführend sind. Ich habe Altersheime in aller Welt fotografiert, Filme über Suchen nach der Wahrheit
“Heimat” und bin so bis zu “sudetisch-tschechischen” Problematik gelangt. Momentan drehe ich
einen Dokumentarfilm über die Demonstrationen gegen “Stuttgart 21”, d.h. über “Masse und Macht”.
Was heißt es für Sie im Rahmen der Tschechisch-Deutschen Kulturtagen auftreten zu können?
Es ist für mich wichtig mit meinen Filmen ein wenig die historischen „Graben und Narben“ zwischen
den Tschechen und den Deutschen zu verkleinern und ein wenig Verständnis für die „Handlungen
der anderen Seite“ zu erwirken. Die Tschechisch-Deutschen Kulturtage und ihr Publikum geben
mir eine Möglichkeit dazu.
Interview: Václav Kazda