Das Böse und das Gute (freie Übersetzung)

Ende Oktober erschien in einer spanischen Zeitung die Besprechung eines Buches mit dem Titel „After the Reich.“ Autor ist der Engländer Giles MacDonogh, der in seinem Buch sehr gewissenhaft und rigoros die Repression beschreibt, mit der die Alliierten gegen deutsche Bürger nach dem Sieg über den deutschen Faschismus vorgingen. Es wurde geplündert, gemordete und vergewaltigt. Die Verlierer wurden in Konzentrationslager gesteckt, wurden gedehmütigt, verschleppt und bestialischen Folterungen unterworfen. In Prag, so der Autor, wurden Deutsche reihenweise an Straßenlaternen aufgehängt oder sie wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Die Alliierten nahmen Massenerschießungen vor von Kindern und Frauen und folterten systematisch ihre Gefangenen. Mehr als drei Millionen Deutsche kamen so nach dem offiziellen Ende des zweiten Weltkrieges um. Über 16 Millionen Menschen wurden vertrieben; 1946 kamen mindestens 200000 Kinder als Frucht von Vergewaltigungen auf die Welt. Was dabei so erschreckend ist, ist der Umstand, das diese Zahlen 65 Jahre benötigten, um an das Licht der Öffentlichkeit zu gelangen. Seit Jahrzehnten haben unsere demokratischen Gesellschaften und ihr scheinbar freier Umgang mit Information diese Barbarei ignoriert. Und dann erstaunt es uns, wenn die Menschen sagen, sie hätten nichts von den Gaskammern gewußt. Abfällig winken wir ab und sagen, dass das nicht sein kann.
Es kann sein, dass uns das Leid von Millionen von Menschen über Generationen hinweg verborgen bleibt. Besorgniserregend ist unsere Lust nach Blind- und Dummheit. Ich frage mich, wie vielen furchtbaren Dingen wir grade jetzt den Rücken zuwenden. Vor wie vielen brutalen Wahrheiten schließen wir die Augen und was wollen wir alles besser nicht wissen? Ich sage mir, dass der Kern der Bosheit dieser Wunsch nach Ignoranz ist.
Das Böse existiert also und es ist uns nicht einmal sehr fremd. Aber es gibt noch etwas Anderes, von dem das ebenfalls kürzlich erschienene Buch „jetzt“ berichtet. In diesem Buch erzählt der Autor Morris Gleitzmann unter anderem die Geschichte von Janusz Korczak, einem polnischen Arzt, der 1936 im Warschauer Ghetto ein Waisenhaus gründet und 1942 mit seinen 200 jüdischen Kindern den Tod wählt, statt auf das Angebot eines SS-Offiziers einzugehen, der ihm persönlich anbietet verschont zu werden.
Es gibt zahlreiche Fälle persönlichen Heroismus dieser Art in der jüngeren Geschichte. Von Güte und Aufopferung. Eine andere Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg dreht sich um die Polin Irena Sendler, die 2008 im Alter von 98 Jahren gestorben ist. Irena Sendler arbeitete im Warschauer Ghetto und brachte es fertig, 2500 jüdische Kinder vor dem sicheren Tod zu retten. Mit falschen Papieren oder versteckt in Kartoffelsäcken. Als sie von der Gestapo gefasst wurde, erlitt sie die schlimmsten Folterungen, verriet aber wohl keinen einzigen Namen ihrer Helfer und kein einziges Versteck irgendeines Kindes, so dass das Netz für das sie arbeitete, intakt blieb. Irena Sendler wurde zum Tod verurteilt und hat sich nur dadurch retten können, dass ein vom polnischen Widerstand bestochener deutscher Soldat sie entkommen ließ.
Welch wunderschönen Klang bilden die Namen Janusz Korczak und Irena Sendler… . Es ist schön ihre Namen auszusprechen und ihre Fotographien anzusehen und ihnen in meinem Kopf dadurch eine kleine Hommage zukommen zu lassen, dass ich mich an sie erinnere. Ihre mutige Großzügigkeit nimmt der Bosheit ein wenig von ihrem lähmenden Schrecken. Janusz Korczak und Irena Sendler. Dank diesen beiden Personen und vielen anderen, Unbekannten, Anonymen, ist die Welt nicht ganz so unwohnlich, wie sie mitunter erscheint.
(veröffentlicht in El Pais am 31.10.2010; Autorin des Originalaufsatzes: Rosa Montero)