Philosophische Café
Annette Keles über Michel Foucault: Werde der Du bist? Identität und Erfahrung – eine Dichotomie? (lektorierte Mitschrift)

Am 17. Juli 2010 hielt Annette Keles im Rahmen des von den AnStiftern organisierten und Frank Ackermann koordinierten Philsophischen Cafés im Hegelhaus einen Vortrag über Michel Foucault. In Zusammenarbeit zwischen AnStifterFunken und der Autorin entstand die nachfolgende Abschrift des Vortrags. Zu einem späteren Zeitpunkt wird hier der noch zu bearbeitende Audiomitschitt der Veranstaltung erscheinen.

Annette Keles studierte Soziologie, Psychologie und Jura in Berlin. Sie ist Dozentin an der Hochschule für Sozialwesen (DHBW) in Stuttgart.

Samstag, 17.Juli 2010.

Es geht um das Thema „Existenz und Erfahrung“, ein substanzielles Thema der Existentialisten und Poststrukturalisten.
In meinem heutigen Vortrag beziehe ich mich auf Michel Foucault (Michel Foucault [miˈʃɛl fuˈko] (* 15. Oktober 1926 in Poitiers; † 25. Juni 1984 in Paris), u.a. Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France in Paris, war ein dem Poststrukturalismus zugerechneter französischer Philosoph und Psychologe, der mich stark beeinflusst hat. Ich verdanke ihm Denkanstöße, die mich verändert haben.
In seinen Analysen geht es um die Einwirkungen der sozialen Erfahrungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, was implizit das Ende der Subjekttheorie bedeutet. Die Untersuchungen von Foucault und Lacan (Jacques-Marie Émile Lacan, bekannt unter dem Namen Jacques Lacan * 13. April 1901 in Paris; † 9. September 1981 in Paris¸ war ein französischer Psychoanalytiker, der die Schriften Sigmund Freuds neu interpretierte und radikalisierte.) Durch die Untersuchungen von Foucault und Lacan wird zugleich der Begriff der Identität in Frage gestellt. Ich hoffe mein Referat wird ein wenig dazu beitragen, zu klären, was das bedeutet. Ich fühle mich mit diesen Themen verbunden und habe mich mit Foucault ausführlich beschäftigt. Ich beziehe mich heute auf das bei Suhrkamp erschienene Buch „Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio Trombadori“. Darin erklärt Foucault sehr verständlich, worum es ihm geht, wenn er von Erfahrung spricht. Das Buch gibt ein Gespräch wieder und ist deshalb sehr eingängig. Es werden die Themen von Foucault (implizit auch die von Lacan) prägnant und nachvollziehbar dargestellt. Wer das eine oder andere nachlesen möchte, sei auf dieses Buch verwiesen, das ich sehr empfehlen möchte.

„Werde, der Du bist“, sagt der aufgeklärt Volksmund. Ich ergänze: Diese Aufforderung war sicherlich auch ein wichtiges Ziel der Achtundsechziger….
Noch einmal: „Werde, der du bist!“ sagt der aufgeklärte Volksmund und – irrt. Das hört sich sehr provokativ an. Ja, der Volksmund irrt, denn in der Erfahrung liegt das Geheimnis der Existenz. Wir verwandeln uns, das heißt, wir sind nicht identisch. Denn Erfahrungen sind es, aus denen wir als eine andere Person hervorgehen. Und zwar ständig und immer. Wir sind heute nicht der, der wir morgen sein werden. Das ist der Kern der Aussage. Ich bin ein anderer, sagt Rimbaud (Arthur Rimbaud, 1854 – 1891, Frankreich, „Je, est un autre“, „Ich ist ein anderer.“ – Brief an Paul Demeny, 15. Mai 1871). Das ist die Wahrheit. Die Kernfrage, die sich dabei stellt: Wie kann der Mensch, wie kann die Person, die geprägt wurde durch Strukturen und eingebunden ist in Strukturen – Strukturen wie z.B. die Familie, die Nachbarschaft, der Staat – wie kann der Mensch, die Person, die eingebunden ist in Kultur, wie kann die Person, die geprägt wurde durch diese Strukturen, wie kann der Mensch, die Person sich selbst konstituieren? Das ist die Frage. Es geht um drei Begriffe der Philosophie:
Es geht um Wahrheit. Was ist Wahrheit, wenn Differenz das Wesen aller Dinge ist? Wahr ist, möchte ich mit Foucault sagen: wahr ist, was geschieht`!
Es geht um Erkenntnis. Die gesellschaftliche Praxis ist Ausgangspunkt der Erkenntnis und ist zugleich ihre Triebkraft und ihr Ziel. Schlussendlich sind es die in der Praxis entstehenden Bedürfnisse, die das Erkennen auslösen, seine Entwicklung vorantreiben und damit der Erkenntnis dienen.
Als Drittes: es geht um Macht.
Es geht um Wahrheit, es geht um Erkenntnis, es geht um Macht. Und welche Aufgaben, welche Verpflichtungen haben die, die Wissen haben und den gesellschaftlichen Diskurs gestalten?
Im Zusammenhang: Erfahrung vermittelt Wahrheit, weil wahr ist, was geschieht. Erfahrung treibt Erkenntnis hervor, weil sie gesellschaftliche Praxis gestaltet, d.h. das, was geschieht, hängt davon ab, wie ich handle; Erfahrung vermittelt Erkenntnis. Und Erfahrung kann Macht implementieren. Foucault hat wie kein anderer der postmodernen Denker diesen Zusammenhang erkannt und erforscht. Ich wünsche mir – das ist sozusagen eine Aufforderung an Sie -, dass Sie mir folgen im Dunkel der Existenz, in das Licht der Wahrheit.
Ich beginne noch einmal mit einem Exkurs und stelle die Frage, was denn Erfahrung per Definition ist. Erfahrung ist die „unmittelbare, also nicht durch Institutionen und Strukturen vermittelte, Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt. Das, was ich tue, wie ich handle, vermittelt mir Erfahrung. Erfahrung ist kein Resultat, sondern ein Prozess. Es ist nicht nur so, dass die Welt sich durch mein Handeln, durch meinen Einfluss verändert, sondern ich selbst verändere mich, während ich Erfahrungen mache. Wie gesagt: Erfahrung ist ein Prozess und kein Resultat. Der letzte Grund aller Erfahrung ist die Lebenswirklichkeit oder, anders ausgedrückt, die (gesellschaftliche) Praxis ist der Boden, auf dem die Erfahrung wächst.

Gesellschaftliche Praxis ist dynamisch. Sie ist nicht, sie entwickelt sich viel mehr.
Ich möchte Foucault zitieren. „Mir scheint, dass keiner der vorliegenden Diskurse überzeugend genug ist, dass man ihm vertrauen kann. Wenn man andererseits wirklich etwas Neues errichten will, oder möchte, dass sich die großen Systeme einer Reihe von realen Problemen öffnen, muss man die Gegebenheiten dort suchen, wo sie sind. Und im Übrigen bezweifle ich, dass der Intellektuelle mit seinem Buchwissen und seiner akademisch gelehrten Forschung alleine die wirklichen Probleme der Gesellschaft, in der er lebt, formulieren kann. Im Gegenteil: eine der ersten Formen der Zusammenarbeit mit Nichtintellektuellen besteht gerade darin, ihre Probleme anzuhören und mit ihnen an der Formulierung der Probleme zu arbeiten. Was sagen die Irren? Wie sieht das Leben in einem psychiatrischen Krankenhaus aus? Welche Arbeit tut ein Krankenpfleger? Wie reagieren sie? Das ist interessant.“
George Bataille, ein Schriftstellter, den Foucault zu seinem „Mentor“ gewählt hat, sagt: “…sich öffnen rückhaltlos, im Leiden, im Schmerz, rückhaltlos“. (Georges Bataille (* 10. September 1897 in Billom, Puy-de-Dôme; † 9. Juli 1962 in Paris). Bataille hat Foucault beeindruckt, nicht zuletzt auch durch sein Leben, sein vorbehalt-rückhaltloses Leben.

Zurück zum Ausgangspunkt: Die gesellschaftliche Praxis ist der Bezugspunkt und die Erfahrung mit ihr ist das, was uns vorantreibt. Ohne den Rückbezug auf die gesellschaftliche Praxis hängen wir sozusagen im luftleeren Raum.
Erfahrung kann aber nicht mit gesellschaftlicher Praxis identifiziert werden. Beide sind nicht identisch, sagt Foucault. Und warum? Ich versuche eine Antwort.

Menschen lernen die soziale Praxis kennen, indem sie wahrnehmen, beobachten, gegenständlich verändern, unmittelbar erleben – also fühlen, empfinden, tun, dulden. Das tun sie mit ihren subjektiven Möglichkeiten und Reserven, das heißt mit biologisch-genetischen und psycho-sozialen Dispositionen. Wenn ich noch ergänzen darf: die biologisch-genetischen und psycho-sozialen Dispositionen und ihren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung bestätigt die Gehirnforschung. Es sind also nicht nur die Philosophen, die Soziologen, die das sozusagen schon lange wissen, aber nie beweisen konnten, sondern jetzt wird es als naturwissenschaftlicher Beweis durch den Einsatz der Gehirnforschung nachgewiesen. „Freud hat Recht“ war eine provokante Äußerung von Professor Spitzer (Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer (* 27. Mai 1958 in Lengfeld in der Nähe von Darmstadt) ist ein deutscher Gehirnforscher und Psychiater, Psychologe), der sich auf die großen Aussagen der Philosophie und Psychologie bezieht, was die Persönlichkeitsentwicklung betrifft. Das heißt, es gibt ein spezifisch persönliches Element in der Wahrnehmung und Deutung von gesellschaftlicher Praxis. Daher ist gesellschaftliche Praxis und Erfahrung nicht identisch. Hinein in die Wahrnehmung und Deutung von gesellschaftlicher Praxis kommt das persönliche Element. Wir sind also nicht nur geprägt, sondern indem wir eingreifen, tun, verändern, dulden, fühlen, empfinden wird gesellschaftliche Praxis selbst, wird das „Substrat“ von gesellschaftlicher Praxis in uns, verändert. Deutung ist individuell und schafft Identität – und jetzt bin ich doch bei diesem Begriff, obwohl er doch zerstört werden soll….
Nach Foucault, nach den Poststrukturalisten, nach Lacan, ist Identität eine progressive, also nach vorne gerichtete Bewegung, sie ist dynamisch – ich denke, also bin ich, das ist dynamisch könnte man sagen, das wirkt. Alles, was ich denke, sage, fühle, empfinde, wirkt. Es hat eine Folge. Was bleibt ist eigentlich immer nur das Handeln und die Konsequenzen des Handelns. Sein ist demnach ein Anderes – das sind die Poststrukturalisten sehr verwandt mit den Existenzialisten – sein ist ein Anderes, ist permanente Veränderung, sein ist ein Anderes in Permanenz. Für den wissenschaftlichen Diskurs bedeutet das: die aus unmittelbarer Erfahrung gewonnenen empirischen Erkenntnisse werden zu Wissen, aus Wissen wird Verstehen, aus Verstehen wird Erkenntnis und schlussendlich: aus Erkenntnis wird Theorie. Klar ist, dass die gesellschaftliche Praxis entscheidend für das ist, was wir als Erfahrung bezeichnen, denn, und ich zitiere Karl Marx: „Das ganze Tun und Treiben ist Antrieb, ist Handeln, das die Umwelt und uns selbst verändert.“ Ideen selbst verändern nicht, nur das Handeln verändert. Antrieb ist der Körper selbst. Sein Leiden, seine Kraft, seine Energie, sein Bedürfnis. Erst die Bedürftigkeit setzt die Menschen in Bewegung, nicht der Gedanke.
Was ist, was tut denn dann der Gedanke? Der Gedanke gerinnt zu Wissen, der Gedanke gerinnt zum System, der Gedanke gerinnt zu Theorie, aber mehr tut er nicht. Entscheidend ist das, was ich tue, entscheidend ist das, wie gehandelt wird und das setzt nicht nur mich, sondern auch die Welt in Bewegung.
Noch einmal ein Zitat von Karl Marx: „Die Natur ist sein Leib. Mit der Natur muss er im ständigen Prozess bleiben, um nicht zu sterben“. Die Auseinandersetzung mit sich selbst als Naturwesen ist gesellschaftliche Praxis des Menschen.

Und nun weiter: Diese Praxis wird entscheidend bestimmt durch die Form der Arbeit, mit der der Mensch sich in der Welt erhält, mit der er seine Existenz zu sichern sucht. Arbeit konstituiert den Menschen als soziales Wesen. Seine Arbeit hat aber immer eine bestimmte Form. Arbeit ist nichts Allgemeines, sie hat immer eine bestimmte Form. Kapitalismus ist z.B. eine bestimmte Form der Arbeitsverausgabung.
Ans Publikum: „Wie würden Sie diese Arbeit im Kapitalismus charakterisieren? Was ist das Entscheidende in/an der kapitalistischen Form der Arbeitsverausgabung? Übrigens: Kapitalismus ist kein Begriff, den nur Linke benutzen. Das ist ein allgemein anerkannter Begriff, der eine ganz bestimmte Form der Produktionsweise benennt.“
Mann aus dem Publikum: „Das Ergebnis meiner Arbeit gehört mir nicht, sondern aufgrund des Mehrwerts ist es nur ein Teil.“
„Warum ist das aber so?“
„Weil die Machtverhältnisse in der Wirtschaft so sind.“
„Machtverhältnisse…die sich sozusagen immer wieder selbst herstellen. Das ist richtig. Es gibt einen Ausgangspunkt. Den muss man einfach mal benennen. Das wäre für mich wichtig, dass Sie mir das jetzt sagen, damit ich verstehe, ob Sie einen Zugang zu dem haben, was ich sage. Es gibt einen Ausgangspunkt, den man wirklich fassen kann, den man benennen kann und der dann das Ergebnis produziert, das Sie eben beschrieben haben.“
„Dass die Menschen unabhängig von ihren … Verhältnisse eingehen müssen, in denen sie ihre Arbeitskraft verkaufen.“
„So! Darum geht es! Ca. 96% der Menschen haben kein Vermögen, leben davon, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Am Ende dieses Produktionsverhältnisses kommt aber dasselbe heraus, was hineingegangen ist. Nämlich mir gehört das, was ich erarbeitet habe nicht, sondern dem, der meine Arbeitskraft gekauft hat. Und er diktiert auch die Arbeitsbedingungen. Jetzt ist es klar. Das ist sozusagen die bestimmte Form der Verausgabung von Arbeit im Kapitalismus. Im Feudalismus was das ganz anders und im Sozialismus ist das auch ganz anders. Wir haben einen Wechsel der Geschichte und Wechsel der Geschichte bedeutet einen Wechsel der Form der Arbeit. Das war mir jetzt wichtig. Es geht um die Rekonstruktion dieses immer währenden Besitz- und Arbeitsverhältnisses, die immer wieder erneuerte Wiederherstellung (Reproduktion) der Besitz- und Arbeitsverhältnisse ist der Kern dieser Produktionsweise.
Und, indem ich Arbeit leiste, sie verausgabe… konstituiert sie mich als soziales Wesen. Die Arbeit hat immer eine bestimmte Form – das haben wir gesagt – zugleich ist sie aber – und das ist entscheidend – ein permanenter Umgestaltungsprozess. Nicht nur die Arbeit selbst und die Herstellung der Produkte, sondern auch der Prozess des sozialen Miteinanders wird durch die Arbeit selbst ständig umgestaltet. Die Wirklichkeit wird ständig sozial und materiell durch den Menschen verändert, das heißt der Mensch ist sozial und materiell und damit auch geistig und emotional einer Dynamik ausgesetzt und zugleich verpflichtet, die ihn – und das stelle ich einfach mal so in den Raum – im Kapitalismus überfordert.
Zurück zur Erfahrung: Erfahrung ist eine Praxisaneignung, die subjektiv vermittelt ist. Das heißt, sie ist an die Persönlichkeit des Einzelnen gebunden. Aus einer Erfahrung geht man verändert hervor. Sie stiftet Identität als ein stets wandelbares Sein. Ihr Inhalt ist nicht wiederholbar.
Zurück zu Foucault. Foucault war erfüllt von dem Gedanken, dass ein Mensch nicht identisch mit sich sein, sondern ein Anderer werden sollte. Erfahrung als Medium menschlichen Wirkens lassen ein anderes Verständnis von Subjekt entstehen als das des immer gleich bleibenden Subjekts der Identität. Foucault hat in einem Interview aus dem Jahre 1978 ausführlich über seine Erfahrung gesprochen und bestätigt, wie sehr sie sein Denken beeinflusst hat. Mit Foucault – aber nicht nur mit ihm, sondern auch mit Lacan, den ich schon erwähnt habe, und mit Althuisser (Louis Althusser [altyˡseʁ] * 16. Oktober 1918 in Birmandreis bei Algier, Algerien; † 22. Oktober 1990 in Paris war ein französischer Philosoph. Er gilt als einer der einflussreichsten marxistischen Theoretiker des 20. Jahrhunderts.) und mit Althuisser ist die französische Philosophie weit vorgerückt in die Destruierung der Theorie des Subjekts. Das habe ich eben schon gesagt. Man kann sich seitdem das Subjekt nicht mehr vorstellen als ein in sich gefestigter homogener… eine in sich gefestigte, homogene Charakterstruktur, die einmal erzeugt wurde und sich dann nicht mehr ändert. Das ist klar. Damit ist sämtliche Subjekttheorie beseitigt. Und das wird bestätigt durch die Gehirnforschung. Wie können davon ausgehen, das es so ist! (Zwischenfrage aus dem Publikum) Es wird damit das Subjekt beseitigt, wie es bis dahin in der Psychologie und in der Philosophie verstanden wurde: ein in sich homogenes, einmal geprägtes, unveränderbares System. Ein psychische Struktur, die man -zum Beispiel- mit der Psychoanalyse nur kennen lernen muss, um zu dem zu werden, der man ist. Diese Vorstellung stimmt nicht mehr, nach allem, was wir heute wissen – die Poststrukturalisten, die Philosophen haben das eingeleitet durch ihr Denken, durch ihre Tun, durch die zahlreichen Forschungen auf diesem Gebiet. Und das wird seit ca. 15 Jahren bestätigt durch die Neurowissenschaften.
Vielleicht nur einmal ganz am Rande… weil man fragen könnte, Foucault, wie macht der das eigentlich? Foucault ist ja, wie soll ich das sagen, Meister der Rekonstruktion von Lebenspraktiken. Das ist sein Spezialgebiet. Schauen Sie sich zum Beispiel so ein Thema an wie „Die Ordnung der Dinge“. Da geht es um die Struktur der Wissenschaften in Europa. Oder: „Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit. Dritter Band“ oder: „Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit Zweiter Band“. Dann hat er einen weiteren Band zum Thema Sexualität geschrieben, dann zum Thema Strafe… Er hat Lebenspraktiken immer zu Ausgangspunkt seiner Forschung gemacht, hat sie rekonstruiert über die gesamte Kulturgeschichte des Abendlandes. Zum Beispiel das Buch „Die Sorge um sich“. Es fängt an mit Aussagen des griechischen Philosophen Artemidor (Artemidor von Daldis, auch Artemidor von Ephesos (griechisch Ἀρτεμίδωρος ὁ Δαλδιανός, Artemídoros ho Daldianós, lateinisch Artemidorus Daldianus. Artemidor war ein Traumdeuter und Wahrsager aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts. ) Artimedor hat die Methode der Traumdeutung bereits angewandt. Seine Aussagen vermitteln ein tiefes, intensives Studium dessen, was uns im Abendland von der Philosophie bezüglich des Verständnisses vom realen Lebensprozess vorgelegt wurde. Foucault versucht die Methode zu rekonstruieren, um sie für uns sozusagen nachvollziehbar zu machen. Wobei er immer über seinen Gegenstand hinausgeht. Foucault gibt den Gegenstand nicht nur wieder, sondern er gestaltet die Thematiken neu mit dem Wissen von heute.
Also noch einmal: Foucault hat mit der Destruierung der Theorie des Subjekts begonnen und ich möchte ihn deshalb jetzt noch einmal zitieren, weil er sich in diesem Zitat sehr klar äußert. Man kann sich vielleicht gleich auch in der Diskussion drauf beziehen. „Ich denke niemals völlig das gleiche. Weil meine Bücher für mich Erfahrungen sind. Erfahrungen im vollsten Sinne, die man diesem Ausdruck beilegen kann. Eine Erfahrung ist etwas, aus der man verändert hervorgeht. Wenn ich ein Buch schreiben würde, um das mitzuteilen, was ich schon gedacht habe, ehe ich es zu schreiben begann, hätte ich niemals die Courage es in Angriff zu nehmen. Ich schreibe nur weil ich noch nicht weiß, was ich von dem halten soll, was mich so sehr beschäftigt. So dass das Buch ebenso mich verändert wie das, was ich denke.“ Wahrnehmen, was mich so sehr beschäftigt…. wahrnehmen und nicht darüber hinweg gehen. Nicht gemeint ist „busy sein“… ich bin ja so beschäftigt… also spontan tun, statt erst einmal wahrzunehmen, was mich so sehr beschäftigt.
Foucault nimmt sozusagen wahr. Er tut es mit der Sexualität, Er tut es mit der Strafe, das tut es mit anderen Themen… und deshalb schreibt er. Er rekonstruiert zunächst einmal das, was vorliegt. Er konfrontiert uns mit dem was vorliegt und korrigiert es mit dem modernen Wissen, dem, was er weiß. Foucault ist für mich beispiellos was die Phantasie und das Wissen anbetrifft. Er sagt: „Jedes Buch verändert das, was ich gedacht habe, als ich das vorhergehende Buch abschloss. Ich bin ein Experimentator und kein Theoretiker. Als Theoretiker bezeichne ich jemanden, der ein allgemeines System errichtet, sei es ein deduktives oder analytisches. Es ist immer auf dergleichen Weise auf unterschiedliche Systeme anwendbar. Das ist nicht mein Fall. Ich bin ein Experimentator in dem Sinne, dass ich schreibe, um mich selbst zu verändern und nicht mehr dasselbe zu denken wie zuvor.“
Und genau das setzt voraus, dass ich wahrnehme, was mich so sehr beschäftigt … Eine andere Äußerung: „Damit man, vermittelt über ein Buch, eine solche Erfahrung machen kann, muss das, was darin gesagt wird, im Sinne akademischer Wahrheit, wahr sein.“
Was heißt wahr? Wahr ist, was geschieht. Also wahr ist das, was historisch verifizierbar ist. Genau das kann zum Beispiel ein Roman nicht. (Zwischenfrage aus dem Publikum: .. )
„…das sagt er ja! Wahr ist, was geschieht heißt nicht, dass die Deutung dessen, was geschieht, wahr ist, sondern DAS, WAS GESCHIEHT ist wahr. Wie ich es deute, wie ich es interpretiere ist dem Wandel unterlegen. Das ist eine philosophische Frage. Das, was geschieht, deuten wir zwar mit dem, was wir wahrnehmen, erkennen, was wir fühlen denken, dulden, tun und so weiter, aber die Deutung ist nicht mit dem, was geschieht identisch. Es gibt da einen Unterschied zwischen dem, was wir wahrnehmen und deuten und dem, was tatsächlich geschieht. Und das wahrzunehmen, dass es da einen Unterschied gibt oder darauf hinzuweisen, dass das im Grund genommen der Ausgangspunkt des Rekurses ist oder auch des Diskurses… -wenn das auf die Ebene der Wissenschaft geholt wird, wird es ja komplizierter…. Wissenschaft beeinflusst ja auch die Welt. Das, was wir heute wissen, löst sich zwar morgen ab, aber es beeinflusst, solange es da ist, die Welt… Was ich damit sagen will ist, dass es einen Unterschied gibt zwischen Wirklichkeit und Deutung. Darauf weist Foucault hin. Insofern haben Sie natürlich Recht. Aber das müssen wir ersteinmal wahrnehmen. (Mann aus dem Publikum: “…Das nackte Geschehen…“) Ja, das sagt er. Wenn ich noch einmal darauf hinweisen darf. Wir machen Erfahrungen mit dem, was geschieht. Das, was geschieht muss im Sinne akademischer Wahrheit wahr sein, das heißt, es ist historisch verifizierbar. Das ist das, was Foucault macht. Wenn wir uns heute mit den alten Griechen beschäftigen, dann tun wir das aus heutiger Sicht. Wir können dorthin nicht zurückkehren.
Nur, es ist interessant einen Versuch der Rekonstruktion zu unternehmen. Die Rekonstruktion ist, sozusagen, im philosophischen Raum ein interessantes Unternehmen – ich finde es zumindest interessant. Frank (Frank Ackermann, Verantwortlicher für die Organisation des Philosophischen Cafés der AnStifter) hat ja gesagt, es hat sich ihm nie erschlossen, ‚was die da wollen‘. Das kann ich verstehen. Ich sitze hier jetzt als Subjekt und kann nur sagen, mich interessiert dieser Ansatz, der Satz „wahrnehmen, was geschieht“, oder zu sagen „ich rekonstruiere, das, was geschehen ist – natürlich in meinem Kopf und mit dem Wissen meiner Zeit. Aber was gibt uns das? Was bedeutet das, im Nachvollzug in der Geschichte für den Prozess des Wandels und des Neubeginns? (Mann aus Publikum: …)
Wenn man an die Figur des Jesus von Nazareth denkt, dann war das jemand, der mit gelitten hat. Es gab also immer diese so genannten Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Deswegen ist dieser Satz ja so wahr. Es gibt immer die Ausnahme, aber die Regel gibt es eben auch. Und man muss sich fragen, was hat die Regel eigentlich bewirkt? Und wenn es die Regel war, den Menschen leiden zu lassen, jenseits der großen Bücher, in denen ja immer um Erlösung gerungen wurde, ob es der Koran ist oder die Bibel oder die großen Bücher der östlichen Religion, da wurde ja immer um Erlösung gerungen. Aber Erlösung war für den Einzelnen und für alle die Ausnahme. Erst die Demokratie und der Wunsch nach Gerechtigkeit hat uns doch die Vorstellung gebracht, dass wir ein Recht auf Erlösung haben, ein Recht auf Mitleid, ein Recht auf Respekt und Wertschätzung. Das sind die neuen Worte, die jetzt überall kursieren. Das ist der Prozess der Rekonstruktion. Foucault hat sich damit beschäftigt und gezeigt, wie dieser historische Prozess, also das, was man gedacht und empfunden hat, wie das rückbezogen war auf die gesellschaftliche Praxis. Es geht also darum, immer wieder den Ursprung zwischen gesellschaftlicher Praxis und Denken herzustellen. Es ist ein Versuch, der mir persönlich weiter geholfen hat im Verstehen der Welt und im Verstehen meiner eigenen Leiden. Das war neu. Die Bedeutung von Ideen zurückzuweisen – das hat ja Marx schon getan – Marx, der sehr viel für uns getan hat, was die Reform der gesellschaftlichen Praxis betrifft – die Bedeutung von Ideen zurückzuweisen, sie zurückzuweisen und zu sagen, dass das Denken jenseits des Handels nichts Neues hervorbringt: Ich muss es tun, das Neue. Die verifizierbare Historie eröffnet zwar neue Denk!räume. Durch ihre Rekonstruktion wird klar, dass Denken vom Handeln abhängt und nicht umgekehrt. Wir reden über Klimawandel und tun nichts. So ist es. Wir wissen es, aber wir tun nichts. Foucault tritt nicht moralisch auf. Er zeigt den Zusammenhang zwischen (historischer) gesellschaftlicher Praxis und Denken. Das fordert natürlich auf, seine eigene Praxis und sein eigenes Handeln zu überdenken. Das ist die unmittelbare Schlussfolgerung daraus.
Ich möchte jetzt noch eine dritte Überlegung einbringen, die auch noch einmal einen neuen Gedanken birgt: Eine Erfahrung ist etwas, sagt Foucault, was man ganz allein macht. Was will er sagen? Er sagt: Man kann Erfahrung nur in dem Maße uneingeschränkt machen, wenn sie sich der reinen Subjektivität entzieht und andere diese Erfahrung – ich will nicht sagen exakt übernehmen – aber sie doch kennen lernen und nachvollziehen können. Der Erfahrungsbegriff wird jetzt erweitert um den Anderen. Ich bin ein Anderer, weil ich mich ständig verändere. Der Andere, der äußerlich von mir seiende, der andere Mensch wird mit nun mit einbezogen. Sein Handeln, sein Wirken, seine Wahrnehmung, seine Empfindung, seine Duldung spielt eine Rolle im Erfahrungsprozess. Das finde ich interessant und nachdenkenswert. Das ist ein Satz, der mich überzeugt. Wir müssen nach der Konsequenz fragen. Was heißt es denn, wenn wir den Anderen einbeziehen? Es heißt, dass es reine Subjektivität nicht gibt. Es gibt eben nur die Subjektivität, die den anderen mit einbezieht. Er muss sozusagen nachvollziehen können, was ich äußere. Ob durch Handeln oder durch Sprechen – Sprechen ist im Grunde eine Form des Handelns. Der andere muss es nachvollziehen, sonst bin ich in der Welt, die ich mir „erobern“ möchte, verloren. Ich habe in diesem Zusammenhang Marx zitiert, der auch davon spricht.
Es gibt eine Schlussfolgerung, die sich stellt, neben anderen. Was hat eigentlich Erfahrung und dann letztlich auch Identität – so wie ich sie charakterisiert habe, also als Prozess der ständigen Veränderung – was hat das eigentlich mit Macht zu tun? Diese Frage hat sich auch Foucault durch sein gesamtes Werk hindurch gestellt. Er stellte sich immer wieder diese Frage. Bei der Analyse der gesellschaftlichen Praxis von Strafe, bei der gesellschaftlichen Praxis der Sexualität … Krankheit … Was hat diese Erfahrungen eigentlich mit Macht zu tun?
In diesem Rahmen kann man meines Erachtens diese Frage erst einmal nur beantworten, indem wir zunächst festhalten, dass die Strukturen und Systeme, alos die gesellschaftliche Wirklichkeit, in der sich der Mensch bewegt, ein Geflecht von Strukturen und aus ihnen abgeleiteten Systemen ist, dass diese Systeme Wissen verursachen und dieses Wissen bewirkt Macht.
„Die Ordnung der Dinge“ – übrigens der Titel eines Buches von Michael Foucault – die Ordnung der Dinge bewegt sich in Strukturen, die sich ständig wandeln, wobei das Wissen von den Strukturen, von Arbeit zum Beispiel, wie sie funktioniert oder das Wissen von allem, was wir heute produzieren, wissen und können, also das Wissen von Arbeit, vom Leben und Sprache, all dies ist elementar diesem Wandel überantwortet. Den gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben ist damit der reinen Subjektivität entzogen. Der gesellschaftliche Wandel ist sozial vermittelt und dennoch die Sache von Individuen. Dazu noch einmal ein Zitat und an dem Punkt könnte man vielleicht auch weiter diskutieren:
Ich zitiere Foucault: „Meine Rolle als Philosoph und Psychologe“ – ich erinnere, er hatte beides studiert und in beidem eine Akkreditierung gehabt – „meine Rolle besteht darin, effektiv und möglichst rigoros Fragen zu stellen, Fragen, die so komplex und diffizil sind, das eine Lösung nicht mit einem Schlag aus dem Kopf irgendeines reformerischen Intellektuellen oder aus dem Kopf aus dem Politbüro einer Partei entspringen kann. Die Fragen, die ich zu stellen versuche und die so verwickelt sind, wie das Verbrechen, der Wahnsinn, der Sex, Dinge, die zudem unser alltägliches Leben berühren, sind nicht leicht zu lösen. Es bedarf jahrelanger, jahrzehntelanger Arbeit an der Basis mit den direkt Betroffenen, die das Recht haben müssen, selbst das Wort zu ergreifen, und es bedarf politischer Phantasie. Vielleicht wird es dann gelingen, eine Situation zu erneuern, die, so wie sie heute formuliert wird, nur in Sackgassen und Blockaden führt. Ich hüte mich, Gesetze zu geben. Ich versuche eher, Probleme zu formulieren, sie wirken zu lassen, sie in eine Komplexität darzustellen, welche die Propheten und Gesetzgeber zum Schweigen bringt, alle jene, die für die Anderen und vor den Anderen sprechen. Folglich kann auch erst dann die Komplexität des Problems mit seiner Verbindung zum Leben der Leute sichtbar werden. Es ist eine gesellschaftliche Arbeit, der ich den Weg bahnen möchte. Eine Arbeit innerhalb des Körpers der Gesellschaft und an der Gesellschaft. Ich möchte selbst an dieser Arbeit teilnehmen, ohne Verantwortung an einen Spezialisten zu delegieren. An mich so wenig, wie an andere. So handeln, dass sich im Inneren der Gesellschaft selbst die Gegebenheiten des Problems verändern und die Sackgassen sich öffnen. Kurz: Schluss machen mit den Wortführern.“
Zum Abschluss möchte ich noch einmal auf den „Mentor“ von Foucault – Ich habe ihn schon genannt -, hinweisen: Georges Bataille, Schriftsteller und Neudenker. Er hat gesagt, „Das Sein, das offen ist. Dem Tode, dem Leiden, der Freude, rückhaltlos.“
Jedes Wort hat hier eine Bedeutung. „Rückhaltlos“ heißt eigentlich das, was Foucault hier anders ausgedrückt hat, nämlich: Schluss mit den Wortführern. Erfahrungen machen und sich ihnen stellen. Bei sich selbst und auch anderen. Schluss mit denen, die sozusagen, sagen, was richtig und was falsch ist, sondern denen zuhören, die Fragen stellen. Meine Rolle besteht darin, sagt Foucault, möglichst effektiv und rigoros Fragen zu stellen oder, was seine Leistung eben auch ist, zu rekonstruieren, die historische Provenienz der gedachten Systeme. Das wirft Fragen auf, das ermöglicht eine Orientierung und stärkt zugleich. Darum geht es eigentlich: mit sich selbst Erfahrungen machen und zu erkennen, was mich so sehr beschäftigt und sich dann auch in die persönliche und private Auseinandersetzung zu werfen. Es geht im Grund darum, Risiken einzugehen. …vielleicht bis hierher erstmal? …

(Mann aus dem Publikum)
…Sie haben ja schon gesagt, was Ihnen besonders auffiel: Neue Deutungen der Historie sind im Spiel, Deutungen, die wechseln, wechseln mit den historischen Erfahrungen. Erfahrung nicht nur als Begriff, sondern als Motor des Wandels und der Veränderung.
Die Frage wäre, brauchen wir nicht doch Ziele, die vorgedacht werden, sowohl gesellschaftlich also auch persönliche Ziele, die vorgedacht werden und denen wir folgen, oder wie kann man sich so einen Prozess der permanenten Auseinandersetzung, der Zurückweisung der Wortführer, wie kann man sich den in der Praxis eigentlich vorstellen, wenn man sich gleichzeitig der Aussage stellt: Alles ist wandelbar. Was bleibt dann eigentlich? Das ist die falsche Frage.
Kein Handeln ohne Wirkung, das bleibt.
(Mann aus dem Publikum…)

——–

(Vielen Dank, Annette Keles, für den Vortrag und die Nachbearbeitung der Abschrift!)