Bis ois plärrt!

Da staunten die erfahrenen Demo-Hasen, Dauerprotestler, Berufsrevolutionäre und Chaoten nicht schlecht: Ein Schwabenaufstand, und der trotz roter Fahnen, die sich immer gern an die Spitze der Bewegung stellen. Jung und reich, arm und alt, Hand in Hand – selbst ich, der bei keiner Demo fehlen darf (mein Weltkulturerbe) hab’ das noch nie gesehen, und auch sonst keiner. Das muß nun wirklich niemand mehr Zahlen hochrechnen – die Stadt ist in Bewegung geraten wie nie in ihrer Geschichte. Und der Anblick ist allen zu gönnen, die sich um Demokratie und Zivilgesellschaft sorgen- er ist ein erfrischender Impuls in eine Zeit hinein, in der sich die Menschen mehr und mehr von der Politik abzuwenden scheinen. Hier in Stuttgart, in der Region, ist das genaue Gegenteil der Fall. Der Wind hat sich gewaltig gedreht – es wird der Teufel los sein, wenn man nicht innehält und noch einmal nachdenkt, ob und wie die Kuh vom Eis kommt. Ein Ansatz dazu ist der Stuttgarter Appell, der Befürworter und Gegner vereint und zu einem Moratorium aufruft. Das ist kein leichter Schritt für jene, die bislang das Projekt mit Zähnen und Klauen und mit bestem Wissen und Gewissen verteidigt haben – aber es sind doch in den letzten Wochen viele neue Fakten aufgetaucht – Gutachten, neue Kalkulationen, Absprachen zwischen Bahn und Regierung, die sich am Rande der Legalität bewegen, Wirtschaftslichkeits-Berechnungen. Vieles, was vor 10 Jahren zu S21 gesagt wurde, ist heute überholt. Hermann Scheer hat es auf den Punkt gebracht: Unumkehrbar ist garnix! Schaut aufs die gescheiterte Großprojekt Transrapid, auf die Gesundheitskarte, toll collect, das betrügerische „Berliner Riesenrad“ der seriösen Deutschen Bank, den Trump-Tower, den Schnellen Brüter in Kalkar, auf Wackersdorf oder Wyhl: Alles bestens durchgerechnet, gesponsert, geplant, demokratisch beschlossen – und gescheitert. Und wenn es der Atomlobby in den Kram passt, laufen auch die ältesten Schrott-Meiler noch 100 Jahre – egal, wer wann was beschlossen hat. Also – Handschlag und auf Augenhöhe, bevor’s die Stadt verreißt, bevor ois plärrt! Peter Grohmann