Wahrheitskommission / überarbeitete Fassung (Hermann)

Anmoderation:
Es wird zwar viel Optimismus verbreitet. Die Auftragsbücher der Wirtschaft füllten sich wieder, wird berichtet. Die Krise soll möglichst schnell vergessen werden, damit ja niemand nach den Schuldigen fragt oder gar Konsequenzen fordert. Der Chef der IG Metall ist da anderer Meinung. Er will den Krisenverursachern auf die Schliche kommen und hat dafür eine Wahrheitskommission vorgeschlagen. Hermann Zoller meint dazu:

Schröder und Merkel sollen in den Zeugenstand –
Die Idee ist verlockend. Berhold Huber hat einen interessanten Vorschlag gemacht. Der Vorsitzende der IG Metall will mit einer „Wahrheitskommission“ die Ursachen der Finanzkrise ans Tageslicht befördern und die Weichen für Konsequenzen stellen.
Eine solche Kommission könne die absolut notwendige Debatte organisieren, um die Krise aufzuarbeiten. Es gehe ihm dabei aber nicht um die Verant wortung einzelner Personen, sondern um die der Institutionen und das dahinter stehende Denken, betont Huber. Ziel sei nicht die Bestrafung, sondern die Weiterentwicklung der Gesellschaft in diesem Sinn: durch einen kollektiven Lernprozess könnte mehr gemeinsames Wissen, mehr Orientierung, mehr Vertrauen und vielleicht auch eine andere Vorstellung entstehen – vom Wirtschaften, von Wissenschaft und von der Politik. –
Das ist ein hohes Ziel, das eigentlich eine breite Unterstützung finden sollte.
Über die Krise wird ja viel geredet, aber wenig diskutiert. Einen tiefer schürfenden Diskussionsprozess anzustoßen, kann man nur unterstützen. Freilich verbunden mit der Hoffnung, dass es nicht beim Reden bleibt. Denn die Zeit drängt. Das Casino ist schon wieder gut besucht. Die Täter kassieren erneut schamlos riesige Gehälter und Boni. Und die Politik tut nichts, um ihnen das Handwerk zu legen – obwohl schon Zeichen für die nächste Krise zu beobachten sind.
Auch wenn Berthold Huber nicht Personen in den Vordergrund stellen will, so wird es ohne die Berufung von Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft in den Zeugenstand nicht gehen. Strukturen des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu beschreiben ist freilich notwendig, aber es sind Menschen die letztlich Wirtschaft und Politik gestalten.
Die Zulassung von Hedgefonds, Kreditverbriefungen und Leerkäufen,
die Steuergeschenke an Konzerne, die Privatisierung der Rente so wie die Förderung von Lohndumping durch Hartz IV und nicht zuletzt die überzogene Exportförderung zu Lasten der Einkommen der Arbeitnehmer in Deutschland – das alles wurde von politisch Verantwortlichen beschlossen. Auch das gehört zur Wahrheitsfindung.
Mit seinem Buch „Kurs wechsel für Deutschland – Die Lehren aus der Krise“, das jetzt erschienen ist, leistet Huber einen eigenen Beitrag für die Diskussion. Mal sehen, ob es die Wahrheitskommission geben wird. Bisher ist kein Echo zu vernehmen. Warum wohl nicht?
Einfügen nur bei Veröffentlichung im Internet:
„Kurs wechsel für Deutschland – Die Lehren aus der Krise“ Berthold Huber (Hg.) Kurswechsel für Deutschland – Die Lehren aus der Krise 2010, geb., 255 Seiten; D 24,90 € / A 25,60 € / CH 42,90 Fr. ISBN 978-3-593-39104-5