Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Menschen –

Hunderttausende waren es, die vor 200 Jahren
dieses Land verlassen mussten – sie kamen aus den
Dörfern des Schwarzwalds und von den Hungeräckern
auf der Ostalb, aus den Armenvierteln der Großstädte,
Bauern, Proleten, Hungerleider –
deutsche Wirtschaftsflüchtlinge, die in alle Welt zogen,
weil sie nichts mehr zu fressen hatten.

Sie wurden aufgenommen jenseits aller Grenzen.

Hunderttausende waren es auch,
die vor den eigenen Landsleuten fliehen mussten,
vor den Deutschen, vor den Nazis, zwischen 1933 und 1945.
Kriegsdienstverweigerer, Juden, noch einmal
davongekommen, Kommunisten, Andersdenkende.

Deutsche Asylanten.
Mit dem Leben davongekommen.

Viel Wasser ist seither den Neckar heruntergeflossen,
der Elbe, dem Neckar, der Rems …

Viel hat sich getan in den Jahren diesseits der Grenzen.
Soviel, dass wir endlich wieder stolz sind.
Erfolgreich zu sein.
Das neue Modell zu fahren.
Das Eigenheim abbezahlt zu haben.
Deutsch zu sein wie Guido, Horst, Dietmar, Angela.
Deutsch und frei und reich.

Aber eines Tages wird man fragen,
das reich und frei und deutsch
und ob andere mitessen dürfen.

Die einen aus Lampedusa,
Die anderen, die im Stacheldraht hängengeblieben sind.
Die weiteren, die frühmorgens am Hotelstrand
in Teneriffa gefunden werden.

Die nicht stolz sein können.
Die nicht an unserem Tisch sitzen dürfen,
die nicht sagen können

Für Speis und Trank sei Dir oh Herr mein tausend Dank

Es ist eine Frage der Zeit.
Dann werden die Menschen darüber nachdenken,
was sie ihren Nachgeborenen hinterlassen haben –
und sie werden sich überlegen müssen,
wo es eine sichere Zukunft für ihre Kinder gibt.

Irgendwann einmal, und das ist bald, wird sich zeigen,
dass es sich nicht lohnt,
Menschen ohne Ausbildung, ohne Arbeit zu lassen.

Das gilt für alle, für die, die in den Vorstädten hocken,
das gilt für alle, die in den Hinterhöfen hausen,
das gilt für jene, die in Asyl-Unterkünften
um eine Herdplatte oder ein Waschbecken streiten müssen
Und es gilt vor allem für die Kinder,
die Jugendlichen – für alle.

Irgendwann einmal, und das ist bald, wird sich zeigen,
dass es sich nicht lohnt,
den Menschen nicht nur die Heimat zu stehlen,
sondern auch die Identität

Das gilt für alle, für die, die am Mittelmeer stranden,
die in Lampedusa ankommen oder umkommen,
die in Rom oder Budapest oder Weilimdorf
gejagt und verfolgt werden,
verfolgt täglich mit Blicken

Das gilt für alle, die sich in den Bahnhöfen verkriechen,
die den Tunnel nach England erreichen wollen,
für alle, die in Calais in die Hände der Polizei fallen.

Das Klima, das heute und morgen vor die Hunde geht,
das haben w i r verändert,
wir, die reichen Herren, Menschen, a
Herrenmenschen,
wir Kolonisatoren,
wir, die die Hottentotten geschlachtet haben,
die Völker des alten Amerika ausgerottet haben
mit dem Segen unserer Kirchen und Kaiser

Wenn der Regen nicht mehr fällt,
Woche um Woche und Monat um Monat und Jahr um Jahr,
wird die Erde ohne Wasser sein.
Nichts mehr wird wachsen, kein Grashalm,
und die Tiere werden den Sand der Wüsten bedecken.

Wir, die Reichen aus dem Norden,
sind der Verantwortlichen: Es ist unser gutes Leben,
unser Wohlstand, der die Oasen austrocknet.

Es sind unsere Mauern, die Afrika stehen
und die hungernden aufhalten,
und die dürstenden verdursten lassen

Was ist sage, gilt für alle, die ohne Papiere sind,
aber voller Hoffnung auf das Überleben,

Wenn wir unsere eigene Jugend in den Schulen
verkümmern lassen, in verrotteten Klassenzimmern
für die Unterklassen, ist es eine Frage der Zeit,
bis sie ihre Schulen anzünden
und die schönen Autos ihrer Eltern zerstören.

Unsere schönen Autos,
eben erworben aus der Abwrackprämie.
Irgendwann einmal werden wir glauben,
was wir sehen:
Dass eure Wälder abgeholzt sind,
dass euer Vieh verdurstet,
dass eure Eismeere schmelzen,
dass eure Wüsten wachsen.
dass eure Meere leer gefischt sind,
dass eure Kohlengruben ausgeräumt sind,
dass eure Bodenschätze längst geplündert sind
dass eure Wasser versickern
wie die so genannte Entwicklungshilfe

Irgendwann einmal werden wir sehen,
dass die Mauern,
die wir in Nordafrika gezogen haben,
um die Flüchtlinge aufzuhalten,
immer noch zu viel niedrig sind,
und dass der Stacheldraht kein Hindernis mehr ist.
für niemanden

Es ist eine Frage der Zeit,
bis die Menschen die Freiheitsrechte wieder entdecken,
die sie sich einst
gegen die Sklavenhaltergesellschaften
erkämpft haben.

Es ist eine Frage der Zeit,
bis die vollen Speicher von den Hungernden
gestürmt werden.

Das solltet Ihr bedenken, ihr,
die die Bodenschätze der Welt plündern,
die die Meere leer fischen
die die Umwelt zerstören und
Angst vor der Moschee haben.

Offen und frei und fair
wollen wir uns, müssen wir uns
gemeinsam einsetzen für jene,
die die Heimat verloren haben
das Hab und Gut,
die in die Ländern der Reichen kriechen
die um Asyl betteln,

Sie, die Geflohenen und Gefolterten,
ihr mit den echten und den falschen Namen,
die Flüchtlinge und im Land geduldete,
die ihre Haut gerettet haben,
sie wissen, wie schwer es ist, gut Freund zu sein
in der Fremde.

Vom Hindukusch bis in den Appenin,
von den Küsten Thailands bis zu den Gestanden
der Südländer,
aus dem Inneren der Türkei und Persiens,
aus dem Irak und dem Iran
aus Asien und Afrika
von Stuttgart Nord und Stuttgart Süd
und Stuttgart Ost und Stuttgart West:

schaut auf die großen Konzerne der weißen Männer,
die Vermögen der Bankräuber
die die Menschen in die Flucht schlagen,
ins Elend treiben.

Sie haben ihnen das Wasser abgekauft für ein paar Glasperlen,
die Äcker, und Wälder, das Saatgut,
Euer Wissen
wie weiland Columbus das Gold.

Sie heißen
Monsanto und Bayer und Weltwährungsfonds,
sie heißen deutsche Bank und Nestle

Entwicklung ist zum neuen Heiligtum geworden.
Dafür werden Menschen, Flüsse, Regenwälder geopfert
oder jene Anbaumethoden,
die die Menschen dort 4.000 Jahre lang ernährt haben.
Was Entwicklung aufhält, muss weg.

Wir aber sind hier mit dem guten Willen,
das alles laut zu sagen
und darüber nachzudenken, laut nachzudenken,
wie das Elend ein Ende findet

Unsere Hilfe für Euch ist bescheiden.
Wir kämpfen für das Recht, Mensch zu sein.

Das ist sehr viel.
Und das fällt sehr schwer.

Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität
darauf bauen wir.

Das ist die einfache und freundliche Botschaft,
die jeder Mensch versteht

Und dass wir diesen einen Satz begreifen:

Die Erde gehört allen.

Eine gerechtere Welt ist möglich.
Dafür wünsche ich uns allen Glück, Fantasie und Lebensmut.