1939
Willy, taubstumm (Burkhard)

(Dieser Beitrag lief bereits im September 2009 im Rahmen der AnstifterFunken. Er passt ein wenig zu „Dorf unterm Hakenkreuz“)

Elisabeth Stock ist heute 86 Jahre. Sie lebt in einem kleinen Ort in Norddeutschland. Rund 200 km entfernt vom Niederrhein, wo sie auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Als eines von 8 Kindern.

Einer ihrer Brüder heißt Wilhelm. Oder Willi wie Nachbarn, Bekannte und Familie ihn nennen. Sie erinnert sich daran, dass seine Geburt nicht einfach war. Trotz Hebamme. Im Krankenhaus wurde später Willis Taubheit festgestellt. Das muss 1934 gewesen sein, erinnert sich Elisabeth Stock.

Laufen lernte Willi ungefähr zu gleichen Zeit wir Änne und Helmut; Änne war etwas spät dran, weil sie an der Hüfte operiert worden war. Weil Willi taub war, lernte er nicht sprechen. Trotzdem konnte er sich ganz gut verständlich machen: er gestikulierte. Und dumm war er auch nicht.

Wir haben bei Tisch immer gebetet, weiß die 86jährige noch. Wenn Vater es mal eilig hatte und darauf verzichten wollte, dann bestand Willi auf der ihm liebgewonnenen Gewohnheit und gestikulierte vehement, bis das Gebet gesprochen wurde. Wenn jemand mal nicht an die Butter kam, dann bemerkte Willi das, und schob sie fast schelmisch ein wenig in die richtige Richtung. Er hatte Augen wie ein Luchs, sagt Elisabeth Stock heute. Wir mochten ihn alle sehr.

Außerdem war der kleine hübsch. Mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen war es einfach, ihn ins Herz zu schließen. Eine Dame aus der Nachbarschaft, so erzählt Elisabeth, die bei uns immer mal wieder nach Gemüse, Milch oder Kartoffeln fragte, freundete sich mit Willi richtig an. Sie spielte mit ihm und ging mit ihm spazieren.

Irgendwann 1939 oder 1940 kamen zwei Frauen von der Partei. Willi war sechs Jahre. An eine Einschulung, so die beiden Frauen, sei wohl nicht zu denken. Willi könne ja noch nicht einmal sprechen. Das beste sei, so eine der Frauen, dass Willi in ein Heim komme. Die beiden waren mehrmals da, weil meine Mutter das nicht wollte. Und sie hätte das schon überhaupt nicht gewollt, wenn sie gewußt hätte, was passiert.

Ich habe meinem Vater häufig auf dem Feld helfen müssen, sagt Elisabeth Stock. Irgendwann kam ich nach Hause, da war Willi nicht mehr da. Sie hatten den kaum Sechsjährigen in ein Heim im rund 100 km entfernten Bonn untergebracht. Nur über die Dame aus der Nachbarschaft, die sich so rührend um Willi gekümmert hatte und Verwandtschaft in Bonn hatte, wussten wir noch etwas über ihn. Sie besuchte ihn häufig obwohl sie fast ebenso häufig unter zweifelhaften Umstände abgewiesen wurde. Willi könne jetzt keinen Besuch empfangen; Willi schlafe schon; Willi sei krank… . Es schien die Verantwortlichen des Bonner Heims sehr gestört zu haben, dass sich noch jemand für Willi interessierte.

Schließlich verlegten sie ihn in den Taunus. Der Weg bis zum Taunus war auch für die nette Dame zu weit. Als sie Willi trotzdem einmal dort besuchen kommt, wundert man sich, was sie denn noch wolle. Willi? Der liegt doch schon seit zwei Wochen auf dem Friedhof.

“Lungenentzündung” steht auf der Todesmitteilung, die die Eltern später erhalten. “Lungenentzündung”.

Elisabeth Stock (heute 86 Jahre alt), Schwester von Willy Termat, taubstumm, 6 Jahre, Tod durch “Lungenentzündung”