Vergessene Schriftstellerinnen
Victoria Wolff (Monika)

Viktoria Wolff, geborene Victor
Geb. 10.12. 1903 in Heilbronn
Gest. 16. 9.1992 in Los Angeles/ USA

Monika, wie bist Du auf Viktoria Wolff gestoßen?

Das Literaturblatt veröffentlichte vor ein oder zwei Jahren einen Artikel über diese Autorin und ich war überrascht, dass sie so ganz aus der Nähe kam und ich bis dahin noch nie etwas von ihr gehört hatte.

Viktoria Gertrude Victor, spätere Wolff, stammt aus Heilbronn, wo sie am 10.12.1903 in ein jüdisches Elternhaus geboren wurde und wuchs in schwäbisch-bürgerlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater betrieb eine Lederfabrik, sie konnte als erstes Mädchen 1922 am Knaben-Realgymnasium in Heilbronn das Abitur machen. Mathematik soll nicht ihre starke Seite gewesen sein. Ihre Mathematikschwäche soll von Albert Einstein (er war der Großcousin von Victoria Wolffs Vater Jakob Victor) mit den Worten kommentiert worden sein: „Es hat keinen Zweck, Deine Zeit mit Mathematik zu vertrödeln.“

Nach dem Abitur begann sie zunächst auf Wunsch des Vaters ein Chemiestudium, das sie aber wieder standesgemäss abbrach und begann eine journalistische Karriere. Ihre ersten Schreibversuche machte sie bereits während ihrer Schulzeit.

Viktoria Wolff muss sehr selbstbewusst und durchsetzungsfähig gewesen sein, denn sie begann eine journalistische Karriere, zunächst im lokalen Umfeld, dann auch darüber hinaus: Neckar-Zeitung, Frankfurter Zeitung, Kölnische Zeitung, Stuttgarter Neue Tagblatt, schließlich schrieb sie auch für den Süddeutschen Rundfunk.

1932 erscheint ihr erster Roman „Eine Frau wie Du und ich“. Zu der Zeit war sie bereits mit dem Textilfabrikanten Dr. Alfred Max Wolf (mit einem F am Ende) verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. 1933 konnten nach zwei weitere Romane erscheinen. Um ihren Kindern Schikanen zu ersparen, emigrierte sie zunächst nach Ascona.

Wie erging es ihr im Schweizer Exil?

Ihre Wahlheimat wurde Ascona.
Dort lernt sie Erich Maria Remarque, Tilla Durieux, Leonhard Frank und Ignazio Silone kennen. Mit Remarque war sie viel unterwegs, weil sie eine Schwäche für sein Auto hatte. Er hatte das schönste Auto, das man sich vorstellen kann. Der Lancia. Hellgrau, mit grauer Innenverkleidung. Mit aufklappbarem Verdeck. Unbeschreiblich elegant. Und er fuhr wie ein Weltmeister.“
Sie selbst fuhr übrigens ebenfalls gerne selbst Auto, was damals für Frauen keineswegs üblich war.

1935 erscheint ihr wichtigster Roman „Gast in der Heimat“ im Amsterdamer Querido Verlag. Der Roman beschreibt das Aufkommen des Nationalsozialismus in einer schwäbischen Kleinstadt und hat autobiographische Züge. Die Nazis verbieten das Buch und setzen die Autorin auf die schwarze Liste.

Trotz eines 1936 ergangenen Publikationsverbotes veröffentlicht sie auch weiterhin ihre Beiträge in der Schweizer Presse, teils anonym, teils unter Pseudonym (Trude Wolf, Ellinor Colling, Claudia Martell). Aufgrund einer Denunziation bei der Eidgenössischen Fremdenpolizei wird Victoria Wolf im Frühsommer 1939 ausgewiesen und gelangt, über die Exilstationen Nizza und Lissabon, 1941 in die USA. Mit welchen Schwierigkeiten eine Einreise in die USA verbunden war, beschreibt übrigens Anna Seghers in „Transit“ sehr anschaulich.

Was hat sie nach dem Krieg gemacht?

1945 wurde sie von ihrem ersten Mann geschieden und heiratete 1949 den Berliner Arzt Dr. Erich Wolff (mit zwei ff). Von ihm soll der Ausspruch stammen: : „Nach mir kannst Du niemand mehr heiraten, denn einen Wolf mit drei ‚f‘ gibt es nicht!“. Erich Wolff, ein Kardiologe, ist Arzt in der Exilkünsterlkolonie von Los Angeles, so dass es niemand wundert, dass sie Thomas Mann und das Ehepaar Feuchtwanger, Fritzi Massary und die Werfels kennen lernt.
Sie ist weiterhin schriftstellerisch aktiv, ihr Hauptthema ist die Auseinandersetzung zwischen selbständigen Frauen und konservativen Männern. Sie entdeckt auch ein neues Medium für sich, nämlich den Film und schreibt Drehbücher für MGM und Century Fox, also Hollywoods Traumfabriken. In den USA schreibt sie übrigens auf Englisch und korrigiert ihr Alter um 5 Jahre nach unten.

Nach Kriegsende bis zu ihrem Tod besuchte Viktoria Wolff wiederholt ihre Heimatstadt Heilbronn. Ihr ehemaliges Realgymnasium, das heute Robert-Mayer-Gymnasium heißt vergibt seit 2002 den Viktoria-Wolff-Preis für herausragende Leistungen in den Bereich Kunst, Literatur, Musik und Theater.
1992 starb sie hochbetagt in Los Angeles.

Du hast uns sicher einen Ausschnitt aus einem Roman von Viktoria Wolff mitgebracht. Was möchtest du uns vorstellen?

Der Roman „Das weiße Abendkleid“ entstand 1938 in der Schweiz und erschien unter einem Pseudonym. Coco Chanel hatte in Paris „Das große Weiße“ auf den Markt gebracht und populär gemacht. Das Kleid, das im Mittelpunkt des Romans steht, hat sogar einen Namen „La joie tremblante „ – die zitternde Freude“ und verändert seine Trägerin. Vier Frauen tragen das Kleid: die Filmdiva Anna Lund, das Mannequin Sonja Putilew, die Kaufmannsgattin Maria Barthoud, die zugleich die Schwester von Anna Lund ist und ihr Zimmermädchen Ilka Wahla. Am Schluss haben sich alle verändert, die Frauen und auch das Kleid.

MARIA
Maria Barthoud war zwei Jahre jünger als ihre Schwester Anne Lund, zwei Zentimeter kleiner und zwei Zentimeter rundlicher. Ihre Augen zeigten wohl das gleiche, frische Bergseegrün, doch die Pupille wurde durch hellbraune Flecken getrübt und war verschwommen. Auch die Haarfarbe, durch chemische Mittel hell gehalten, hatte die natürlichen grau weichen Schimmer verloren, der den Aschblonden die jugendfrische Sauberkeit verleiht, nur der Teint war der gleiche — der klare, gesunde Apfelteint der Schwedin.
Maria war in ihrer äußeren Erscheinung der nicht ganz geglückte Versuch der Natur, der Anne zum Vorbild hatte. In ihrem Wesen war Maria die Volksausgabe von Anne. Sie hatte die gleichen Anlagen, aber es fehlte ihr überall an den letzten zwei Zentimetern.
Niemand hätte ihr vorwerfen können, daß sie dumm sei, aber der gänzliche Mangel an Selbstkritik ließ sie nie dazu kommen, klug zu sein oder klug zu gelten.
Vor sieben Jahren hatte sie aus Neigung und Bequemlichkeit der konventionellen Werbung des Herrn Philippe Barthoud, der die lukrative Vertretung eines Lyoner Seidenhauses innehatte, nachgegeben und lebte seither an seiner Seite weder glücklich noch unglücklich, wobei äußerlich und innerlich alles geregelt schien. Mittelmaß sei hygienisch, sagte Monsieur Barthoud, und Hygiene spielte nebst der feinen Seide eine große Rolle in seinem Leben.
Die einzigen Seitensprünge, die sich Maria erlaubte, waren alle Abstufungen des Neides auf ihre Schwester Anne. Die Seitensprünge von Monsieur Barthoud waren seiner Frau überhaupt nicht bekannt.

Maria erhält das weiße Abendkleid und wagt einen nächtlichen Ausflug, bei dem sie einen Mann kennen lernt, der um ihre Gunst wirbt. Beide verbringen tanzend einen angenehmen Abend, doch Ivo, so heißt der Unbekannte will am ende mehr von Maria. Fast wird Maria sich selbst untreu, aber sozusagen in letzter Minute tritt sie doch den Heimweg an.

Während sie die leeren, dunklen Champs-Elysees entlangrollte, sah sie überklar, wem sie entgegenfuhr. Sie sah greifbar nahe Monsieur Barthouds schwarzen Schnurrbart und seine Musterkoffer voll Lyoneser Seide, seinen schmalen Bambusstock und seine ausgetretenen algerischen Hausschuhe. Sie hörte seine etwas heisere Stimme und sah, wie er sich mit der Hand über seine leicht glänzende Glatze strich. Sie fuhr ihm entgegen, seiner Welt, ihrer alten Welt, der Tradition, der Langweile, dem Vorurteil, Madame Granville und dem Schwedischen Klub.
Aber sie fuhr ihnen anders entgegen, als sie sie verlassen hatte. Sie fuhr ihnen kritisch entgegen und lieblos und aufgeweckt. Sie nahm nicht mehr hin, sie bewunderte auch nicht mehr. Sie fuhr all diesen Dingen entgegen, weil sie nicht mehr zurückfahren konnte. Sie konnte nicht mehr zurück, auch wenn sie der Chauffeur plötzlich bei der Hand genommen und zu Ivo zurückgeführt hätte. Aber niemand nahm sie bei der Hand. Es geschahen keine Märchen mehr. Oder nur solche, die man sich selber schuf.

…..

Schade um den raschen Abschluß, schade um alles, was sie nicht gesagt, gehört und getan hatte. Sie bereute. Aber diese Reue gehörte zu ihr. Sie war ein Teil ihres Wesens, das sie kannte. Ohne diese Reue wäre sie nicht Maria gewesen. Und schließlich hatte sie sich und alle ihre Eigenschaften gern.
Nun war es aus. Unwiderruflich! Schon fuhr sie wieder um die schmale Ecke in der Rue Ancelle. Sie wußte seinen Namen nicht, und er hatte ihren Namen nicht wissen wollen.
Es war schön gewesen und seltsam, und nun war es vorbei. Es hat das Kleid gekostet, das sie als Einsatz gewagt hatte. Mehr nicht.
Sie war müde und traurig und doch ein bißchen glücklich. Und nun ging sie wieder in das große, dunkle Loch, das ihre Haustür war.

Wie siehst Du die Schriftstellerin Viktoria Wolff?

Viktoria Wolff hat sicher keine Weltliteratur geschrieben. Das war gar nicht ihr Anspruch. Sie wollte gute, anspruchsvolle Unterhaltung machen und das ist ihr gelungen. Sie und ihre Familie wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt und sie ließen sich nicht klein kriegen. Das ist das Entscheidende!

Ein Beitrag von Monika Lange-Tetzlaff, AnStifterin und Inhaberin des Antiquariats Buch & Plakat im Bohnenviertel

0 Gedanken zu „Vergessene Schriftstellerinnen: Victoria Wolff (Monika)

  1. Dieser Beitrag ist vor allem zu lang und der Versuch des „Gesprächs“ ist m.E. nicht gelungen. Man hört doch schnell, dass es kein richtiges Gespräch ist.