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Jeder Mensch hat einen Namen (Helmut)

Liebe Radiomacher/innen, hier ist das fertige http://www.die-anstifter.de/wp-content/uploads/2010/06/HailfTailf-fertig.mp3 Tonprodukt. Der komplette Beitrag dauert 16,30 Minuten, besteht aber aus drei Teilen:
1. Vorstellung des Buchs „Jeder Mensch hat einen Namen“ inklusive Interview mit Volker Mall (Autor) und Mordechai Ciechanover, einem der letzten noch lebenden KZ-Häftlinge – 8 Minuten
2. „Kristallnaach“ von BAP – 4 Minuten
3. Die aktuellen Auseinandersetzungen – 4,30 Minuten.
Ich selbst bin am kommenden Sonntag an der Einweihung der Gedenkstätte beim ehem. Flugplatz Hailfingen beteiligt und könnte am Dienstag in der Sendung nach dem Beitrag noch kurz berichten, wie die Feier über die Bühne gegangen ist (ob’s Zoff gab oder nicht).
Gruß! Helmut

Moderation: Eigentlich wollte ich mich in diesem Beitrag auf die Vorstellung eines neuen Buchs beschränken, das vor allem diejenigen unter den Hörerinnen und Hörern interessieren dürfte, die sich mit der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen in der Region beschäftigen wollen. Es handelt sich um ein Buch, das den Titel trägt: „Jeder Mensch hat einen Namen“. Die beiden Autoren, Harald Roth und Volker Mall (er ist Anstifter) befassen sich in diesem Buch mit dem KZ-Außenlager Hailfingen/Tailfingen bei Herrenberg und gehen dem Schicksal von 600 jüdischen KZ-Häftlingen nach, die im November 1944 von Auschwitz und vom KZ Stutthof bei Danzig in den Süden in das KZ-Außenlager deportiert wurden.

In den beiden letzten Wochen hat dieses Buch, und wovon es handelt, enorme aktuelle politische Brisanz bekommen. Wer aufmerksam die hiesigen Zeitungen liest, weiß, was da passiert ist.
Am 6. Juni, also vorgestern, ist im Rathaus in Tailfingen eine Gedenkstätte und danach in Hailfingen beim ehemaligen Nachjägerflugplatz, dem Ort des KZ-Außenlagers, ein Mahnmahl eingeweiht worden. Ursache des politischen Streits im Vorfeld und der neuesten Auseinandersetzungen war die Einladung eines NPD-Kreistagsabgeordneten durch den Bürgermeister der Gemeinde Gäufelden.

Doch der Reihe nach; also zuerst zum Buch:

Bereits 2007 haben Volker Mall und Harald Roth, zusammen mit Dorothee Wein ein Buch über das KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen herausgebracht. Es heißt: Spuren von Auschwitz ins Gäu. Im Gäu, auf einer nebelfreien Hochfläche zwischen Herrenberg und Rottenburg, errichtete das NS-Regime einen Nachtjägerflugplatz. Für den Ausbau wurden anfangs Zwangsarbeiter eingesetzt. Mit der Ankunft von 600 Juden im November 1944 wurde der Flugplatz Hailfingen-Tailfingen ein Außenlager des KZs Natzweiler im Elsass.

Für das neue Buch haben Harald Roth und Volker Mall, so weit dies überhaupt noch möglich war, die biografischen Daten aller 600 jüdischen Häftlinge recherchiert. Sie haben herausbekommen, wie viele von ihnen hier gestorben sind und umgebracht wurden, wo sie verbrannt bzw. begraben wurden. Sie haben Kinder von KZ-Häftlingen gefunden und einige wenige heute noch lebende ehemalige KZ-Häftlinge.

Für uns, die wir im Großraum Stuttgart leben und des öfteren auf der A81 südwärts brausen, ist es ein Schock zu erfahren, was ganz in unserer Nähe, im idyllischen Gäu, geschehen ist und es berührt uns stark, wenn das Leiden, die Ermordung und der Tod Namen bekommen und wenn die Orte, wo die Toten liegen, benannt sind.

Ich habe Volker Mall gefragt, was ihn und Harald Roth bewogen hat, der Geschichte dieses KZs und der 600 Juden, die dort schufteten, von denen viele ermordet wurden oder an Hunger und Krankheiten starben, von denen aber auch einige überlebten, nachzugehen.

Auszüge aus dem Interview mit Volker Mall
dazwischen (sehr kurz) Gespräch mit M. Ciechanower vom 30. 5.)

Noch einmal Titel des Buchs und Verlag: Volker Mall und Harald Roth – Jeder Mensch hat einen Namen – Gedenkbuch für die 600 jüdischen Häftlinge des KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen – erschienen im Metropol-Verlag Berlin.

So weit die Vorstellung des Buchs. Nach der Musik (BAP/Kristallnaach) kommen wir zu den aktuellen Ereignissen.

Musik eingearbeitet (Kristallnaach gekürzt)

Fortsetzung

Vor 4 Wochen hat Johannes Buchter, ehemaliger Landtagsabgeordneter der GRÜNEN, jetzt Bürgermeister der Gemeinde Gäufelden und zugleich Abgeordneter des Kreistags Böblingen, die Einladungen für die Einweihung des Dokumentationszentrums und der Gedenkstätte verschickt. Persönlich eingeladen hat er auch seine Kollegen aus dem Kreistag und somit auch seinen dortigen Kollegen, den NPD-Mann und stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden Nowak, übrigens ohne Absprache mit den Mitveranstaltern.
Dieser Herr Nowak, der sich selbst in seinen Briefunterschriften zur „Stimme des Volkes“ erhebt, hat diese Einladung zum Anlass genommen, auf der NPD-Webside seine bedeutenden tages- und kulturpolitischen und historischen Einsichten zu verkünden.

Statt die Tailfinger Bürger endlich mit einer schnellen DSL-Leitung zu versorgen, gebe die Gemeinde das knappe Geld für eine „sündhaft teure, pompöse, Gedenkstätte“ aus, für ein „Mea-Culpa-Projekt“, wie Nowak sich ausdrückt.
Dies sei Ausdruck einer „Schuldkultur“ und ein Beispiel für die „Holocaust-Industrie“, die sich nun auch im Gäu ausbreitet.

Darüber hinaus hat er seine tiefe Kenntnis der Bestimmungen der Genfer Konvention von 1949 belegt.

Die jüdischen KZ-Häftlinge sind, so Nowak, „Kriegsgefangene“ gewesen. Wenn er den Begriff „Kriegsgefangene“ verwendet, weiß er, wenn er nicht ganz unbedarft ist, dass sie somit dem Verbot „unmenschlicher“ und „entwürdigender“ Behandlung durch den sogenannten Gewahrsamsstaat unterliegen. Also kann, meint wohl Herr Nowak, im KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen auch alles nicht so schlimm gewesen sein.

Aber lassen wir doch das Herumgerede. Was diese selbst ernannte „Stimme des Volkes“ da absondert, ist tiefbraune dampfende Kacke. Nowak ist ein Geschichtsfälscher, ein Antisemit, ein dumpfer Hetzer – ein Neonazi eben.

„Aber“, mögen manche sagen, „er ist doch ein gewählter Abgeordneter und hat deshalb das Recht, zu den Gedenkveranstaltungen persönlich eingeladen zu werden“. Ein frei gewählter Abgeordneter ist Nowak in der Tat. Aber muss ich als Verantwortlicher einer Gedenkfeier für jüdische KZ-Häftlinge unbedingt einen Neonazi einladen? Lädt ein Häuslebauer, der sein abgebranntes Haus wieder aufgebaut hat, einen bekannten Brandstifter zum Richtfest ein?

Diese Frage haben sich viele Bürger aus der Region um das ehemalige KZ und vor allem die Initiatoren der Gedenkstätte gestellt und sie haben beim Bürgermeister gegen die Einladung des NPD-Manns protestiert.

Dem Bürgermeister Buchter ist der Druck wohl zu stark geworden und er hat, nachdem er auf der NPD-Webside der braunen Soße ansichtig geworden ist, Herrn Nowak wieder ausgeladen. Der wiederum hat, unterzeichnet mit „Nowak – Des Volkes Stimme“ einen offenen Brief an den Bürgermeister geschrieben und angekündigt, dass er trotzdem kommt. Er werde sich „auch vor den Augen der damaligen Lagerinsassen und ihrer Angehörigen von der anwesenden politischen Polizei gegebenenfalls niederknüppeln und abführen lassen“.

Was kann man aus dieser üblen Geschichte lernen?

Den Umtrieben der neuen Nazis muss unsere ganze Aufmerksamkeit gelten, die neonazistischen Individuen sollte man jedoch mit Nichtachtung strafen auch wenn sie gewählte „Volksvertreter“ sind. Von daher gesehen war die Einladung des NPD-Manns Nowak zu den Gedenkveranstaltungen durch den Bürgermeister falsch, geschmacklos im Hinblick auf die anwesenden Überlebenden des KZs Hailfingen-Tailfingen, und sie war – um es zurückhaltend zu formulieren – gedankenlos.

Fortsetzung und Schluss (live): kurzer Bericht über den störungsfreien oder auch gestörten Ablauf der Feierlichkeiten.

ANMERKUNG Helmut: Liebe Radiomacher/innen,

ich habe bei Burkhard angekündigt, dass ich meinen Beitrag zum Buch „Jeder Mensch hat einen Namen“ überarbeite und wegen der aktuellen Ereignisse (lest ihr z. B. die Stuttgarter Zeitung?) aktualisiere. Das habe ich jetzt getan und das Manuskript fertig gestellt. Den Beitrag wollte ich bis heute als Tondatei fertig gestellt haben. Aber ich fürchte, ich kann ihn euch erst morgen schicken. Vorab also das Manuskript. Ich habe Burkhard bereits mitgeteilt, dass ich am Freitag leider wieder nicht zur Redaktionssitzung kommen kann (Geburtstagsfete für ein wichtiges Mitglied im Haushalt). Ich wünsche eine erfolgreiche Sitzung (in der ihr meinen Beitrag „verreißen“ könnt) und komme am kommenden Dienstag.