Vergessene Schriftstellerinnen
Rahel Sanzara (Monika Lange-Tetzlaff)

Am 10. Mai 1933 ging auch Rahel Sanzaras Roman „Das verlorene Kind“ in den Flammen der nationalsozialistischen Scheiterhaufen auf. Für die Schriftstellerin bedeutete dies, dass sie nicht mehr in Deutschland publizieren konnte, was einem Berufsverbot gleichkam.

Eigentlich sollte man erwarten, dass nach Ende des Nazisregimes das Interesse an den ehemals verbotenen Büchern groß wäre. Leider war dem nicht so. Rahel Sanzara ist heute eine fast vergessene Schriftstellerin.

Wer war sie und warum war sie den Nazis ein Dorn im Auge? Anders als der Name vermuten lässt, hat Rahel Sanzara kein jüdisches Elternhaus. Sie wurde am 9. Februar 1894 in Jena als Johanna Bleschke, Tochter eines Stadtmusikers geboren. Ihren Künstlernamen Rahel Sanzara wählte sie als Schauspielerin aus Sympathie für das Jüdische und wegen des exotischen Klangs.

Die Schriftstellerin Rahel Sanzara begann ihre künstlerische Karriere nach mehrenen bürgerlichen Berufsausbildungen zunächst als Tänzerin und etwas später als Schauspielerin. So trat sie bereits 1916 in dem Film „Der Fall Routt“ auf und etwas später in „Tanja“, einem Stück ihres Freundes Ernst Weiß. 1924 beendete sie nach einem größeren Misserfolg ihre schauspielerische Karriere und wandte sich der Literatur zu.

Ihr erster Roman „Das verlorene Kind“, der ihr bekanntester Roman werden sollte, erschien 1926. Das Thema erregte sofort großes Aufsehen: sie erzählt darin die Geschichte einer heilen Familie, die durch den Sexualmord an ihrem vierjährigen Töchterchen aus den Fugen gerät. Literarische Größen wie Carl Zuckmeyer und Gottfried Benn waren begeistert.

Dieses Thema ist der zweite Grund, warum die Nazis Rahel Sanzaras Bücher ablehnten. Aus der Sicht der Nazis gehörte sie zu den sogenannten Asphaltliteratinnen, die alles in Schmutz zogen.

Der Mörder erwachte, als er aus dem eben noch vor Durst vertrockneten Mund Speichel in seinen Hals rinnen fühlte. Er zog seine linke Hand zwischen den Gliedern des Kindes hervor, um sich abzuwischen. Sie war voll Blut. Er hielt sie vor die langsam erwachenden Augen. Er entsann sich, daß er am Morgen sich bei den Weiden geschnitten hatte. Er glaubte, die Wunde blute noch immer. Seine rechte Hand, um die Kehle des Kindes gekrampft, hatte er vergessen. Das Kind, tief unter seinem Leibe vergraben, hatte er vergessen. In Ermüdung, in wollüstiger Ruhe, im Tod aller Herzen ruhte er aus, gebettet weich auf dem kühlen weichen Grund unter ihm. Er wandte langsam sein Gesicht nach oben, es war geebnet, ruhig, weiß, engelgleich die sanften Züge. Sein müder Blick umfaßte das Stroh vor seinen Augen, ein großer, grüner Käfer bewegte sich mühsam auf ihn zu. Er mußte lachen, im Lachen warf er sich auf den Rücken, sein Leib gab die Leiche der kleinen Anna frei. Er begriff nichts. Kaum sah er. Er fühlte die Unordnung seiner Kleider, und Scham ergriff ihn. Schnell machte er alles gut. Er dachte an seine Arbeit. Er sah umher. In der Dunkelheit erblickte er, ineinander verworren, mattschimmernde Kleider in Unordnung, verrenkte, leblose Glieder. Der Gedanke durchzuckte ihn: »Hier muß Ordnung sein!« Alle Müdigkeit war verjagt. Er rannte zum Tor der Scheune hinaus.

Ihr zweiter Roman „Die glückliche Hand“ erschien 1936 in der Schweiz, der dritte „Die Hochzeit der Armen“ gilt bis heute als verschollen.

Rahel Sanzara, deren Mann Walter Davidsohn ebenso wie ihr Freund Ernst Weiß emigrierte, blieb trotz ihrer Ablehnung des Naziregimes in Berlin. Am 8. Februar 1936 starb sie dort an Krebs.

Die Frauenbewegung in den 1970er Jahren entdeckte „Das verlorene Kind“ wieder. Einem größeren Publikum blieb sie jedoch unbekannt.

Ein Beitrag von Monika Lange-Tetzlaff, AnStifterin und Inhaberin des Antiquariats Buch & Plakat im Bohnenviertel