Rahel Sanzara, Teil 2 (Monika)

Wir kommen noch einmal zurück zu Rahel Sanzaras Roman „Das verlorene Kind“.
Fritz, der Mörder der kleinen Anna, wird gefasst und ihm wird der Prozess gemacht. Fritz ist jedoch ganz anders als man es von einem Mörder erwarten würde.
Ein Ausschnitt aus „Das verlorene Kind“

Als Fritz in seiner Zelle angelangt war, überfiel ihn plötzlich tiefe Müdigkeit. Er vermochte nicht mehr seine Kleider auszuziehen, ehe er sich auf das harte Lager niederließ. Aber schlafen konnte er nicht. Er dachte daran, daß seine Mutter heute nicht gekommen war, und er dachte an die Strafe. Totgeschlagen wurde er nicht, obwohl es die Mutter so gewollt hatte, aber man würde ihn sicher ins Zuchthaus bringen. Da würde man ihn wohl mit Ketten umschnüren, er würde nicht mehr gehen können, nicht sich bewegen können, nicht sich in einem Winkel verstecken können, wenn er sich danach sehnte, man würde ihn wohl mitten an eine Wand anschließen. Das schlimmste aber würde wohl sein, daß jeder an ihn herantreten, ihn berühren konnte; er dachte sich aus, daß er, mit den Händen in einem eisernen Ring festgeschlossen, sich wohl von dem Wärter an- und auskleiden lassen müsse, da er doch, ewig gefesselt, keine Handreichung, auch nicht die letzte um der Notdurft willen, mehr tun konnte. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit Entsetzen, mit einer grauenhaften Furcht vor der Strafe. Er sprang vom Lager auf und eilte zur Tür. Sein Trieb, zu entfliehen, war so stark, daß er an der Türe rüttelte, daß er nicht begriff, daß sie sich nicht öffnete. Er tastete an den Wänden der Zelle umher nach einem Ausgang, stumm, klopfenden Herzens, Schweiß rann in der Kälte an seinem Körper herab. Plötzlich aber stand er vor dem Fenster still, vor dessen Gitter weiß und voll die Scheibe des Mondes schwamm, ein unbewegliches Gesicht, von Gebirgen wie von Narben zerfetzt, ein stilles, kaltes, ausgebranntes Gestirn. In seinen Anblick verlor er sich ganz, von dem bleichen Schein, der auf seiner kindlichen, heißen Stirne ruhte, floß ein Strom von Kälte wie der Hauch tödlichen Eises in sein Herz, dessen Schläge sich zu entfernen schienen, wie leise davonschleichende Schritte verklangen, die Kraft verließ seinen Körper, er sank zusammen.
Am Morgen fand ihn der Wärter am Boden liegend in tiefem Schlaf, die Glieder steif von Kälte. Er begann, um ihn gleichzeitig zu erwärmen und zu erwecken, seinen Körper mit den Händen zu reiben, doch kaum erwacht, stieß ihn Fritz mit Entsetzen und Gewalt von sich und richtete sich auf, so schnell es seine von Kälte und von dem harten Lager auf dem Steinboden gelähmten Glieder erlaubten. Der Wärter, halb abgewandt, beobachtete ihn von der Seite, sagte nichts und verließ die Zelle. Verstört setzte sich Fritz auf den Rand seines Bettes nieder. Beim Erwachen hatte er die Schwere seiner Glieder wie Ketten gefühlt, die ihn umschnürten, das Tasten des Wärters an seinem Körper hatte ihn entsetzt, er glaubte die Strafe schon erfüllt. Langsam aß er die heiße Morgensuppe, die ihn erwärmte und seine Erstarrung löste. Doch wich die Bedrücktheit und Sorge nicht von ihm. Der Morgen war ein Sonntag. Den Gefangenen in Untersuchungshaft war es erlaubt, während der Reinigung der Zellen auf dem langen Gang sich etwas zu ergehen. Es ergab sich dabei oft, daß die Gefangenen einige Worte miteinander austauschen konnten, nur mußte laut und dem Wärter hörbar gesprochen werden. Fritz hatte bisher von dieser Erlaubnis nie Gebrauch gemacht. Er hatte kein Bedürfnis nach Freiheit, nach Bewegung und am wenigsten nach Menschen gehabt. Heute jedoch, im Innersten verwirrt durch Furcht, schlich er sich an die geöffnete Zellentür und spähte vorsichtig auf den langen, dämmerig erleuchteten Gang. Er ließ die wandelnden Gestalten der Gefangenen, die, als ob sie jeden einzelnen freien Schritt bis zum äußersten auskosten wollten, in langsamen, sorgsam ausgetretenen Schritten gingen, an sich vorüberziehen, bis er mit einem plötzlichen Entschluß einen jungen Mann förmlich ansprang und mit seinen Füßen sich in dessen müden, aber doch leichten und federnden Schritt einschmiegte. Dieser junge Mann glich dem Herrensohn auf Treuen, Gustav, hatte dunkles Haar, ein blasses, schmales Gesicht, das von Verzweiflung und bitterer Melancholie verwüstet war. Er warf unter seiner gefalteten Stirn einen kurzen Blick aus den dunklen Augen auf Fritz, als der mit einem Satz sich zu ihm gesellte, doch sagte er nichts. Sie gingen nebeneinander her. Fritz fühlte erst mit Staunen, dann aber mehr und mehr mit Qual, wie er im Takt der Schritte innig verbunden mit einem anderen Menschen ging; er wollte sich davon losmachen, wollte entrinnen, versuchte seine Schritte zu verdoppeln, doch der Abstand zwischen den Gefangenen war zu kurz, er stieß sofort an den Vordermann an, er mußte zurückbleiben und war wieder eingezwungen in den Schritt des anderen. Zornige Erregung und hilflose Angst ergriffen ihn. Schweiß perlte von seiner Stirn. Er dachte, es wäre vielleicht doch besser gewesen, ihn zu erschlagen, wie die Mutter es wollte. Endlich, nachdem er lange an seinem Trotz und seiner Angst gewürgt hatte, begann er heiser und mit unendlicher Mühe zu sprechen: »Gestern haben sie mich verurteilt.«
Der andere ließ seinen dunklen, traurigen Blick über ihn gleiten, sagte aber nichts.
»Zuchthaus ist eine sehr böse Sache, was?«
Der andere zuckte die Achseln. »Die Menschen verdienen es«, sagte er mit einer dunklen, klangvollen Stimme.
»Aber sie müssen einem doch abends die Ketten abnehmen, wenn man sich auf die Pritsche legt und sich ausziehen muß! Das muß man doch alles selber machen können, bei großen Leuten macht das doch niemand mehr gern, die Mutter macht es auch nicht gern, wenn man schon groß ist, das weiß ich jetzt.«
»Ich verstehe nicht, was Sie meinen,« sagte der andere lächelnd, »doch wenn Sie meinen, daß Sie im Zuchthaus hilflos mit Ketten angeschmiedet werden, so sind Sie im Irrtum. Das geschieht nur in ganz seltenen Fällen, zum Beispiel, wenn Sie sich gewalttätig benehmen. Im allgemeinen aber bewegen Sie sich dort so frei, wie es eben in einem Zuchthaus möglich ist.« Bei dieser Rede lächelte der Gefangene vor sich hin und warf einen liebenswürdigen Blick auf den Wärter, der sich sofort nach Beginn des Gespräches ihnen genähert hatte.
»Sie wissen das? Sie wissen das?« fragte Fritz gierig.
»Gewiß, es ist so«, war die Antwort
Ohne noch etwas zu erwidern, löste sich Fritz mit einem Satz wieder aus der Reihe, aus dem Gleichklang der Schritte, und stürzte in seine Zelle zurück. Hochatmend stand er da still, legte sich selbst beruhigend die Hand auf sein klopfendes Herz. Der Wärter trat in die Zelle ein.
»Was hast du denn?« fragte er. »Du brauchst dich nicht aufzuregen, du kommst ja gar nicht ins Zuchthaus, hast doch nur Gefängnis gekriegt. Das ist nicht anders wie hier bei uns, und hier hast du es doch gut, wie?«
Fritz sah den Wärter mit einem kindlichen, vor Freude geweiteten Blick an. »Ich habe kein Zuchthaus gekriegt?« fragte er leise.
Der Wärter schüttelte den Kopf.
Fritz senkte den Blick zu Boden. Leise erzitterte sein Körper, sein Gesicht überzog sich mit zarter, heller Röte, und Tränen rannen still und schnell unter den gesenkten Lidern hervor. Der Wärter wandte sich ab und ging langsam zur Tür. Dort blieb er stehen. Nach einer Weile fragte Fritz wieder leise: »Kann ich die Strafe gleich kriegen?«
»Jawohl, das kannst du. Du mußt dich vorführen lassen und deine Erklärung abgeben, daß du mit dem Urteil einverstanden bist.«
»Ach ja.«
»Soll ich also melden, daß du morgen vorgeführt werden willst?«
»Ja.«
»Das ist gut. Die Strafe ist ja auch milde.«
»Ja, die Strafe ist milde«, wiederholte Fritz.“

Soweit der Ausschnitt aus „Das verlorene Kind“. Es wäre schön, wenn Rahel Sanzara neue Leserinnen und Leser finden würde.

http://www.die-anstifter.de/wp-content/uploads/2010/04/rz001.mp3 Teil 1
http://www.die-anstifter.de/wp-content/uploads/2010/04/rz002.mp3 Teil 2
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http://www.die-anstifter.de/wp-content/uploads/2010/04/rz008.mp3 Teil 8

0 Gedanken zu „Rahel Sanzara, Teil 2 (Monika)

  1. Hallo Burkhard,

    vielen Dank für Deine Arbeit mit den acht Teilen. Ich war jetzt im Laden und habe mir Teil 1 – 7 angehört. Acht hat bei mir nicht funktioniert, da bin ich immer auf die Startseite der AnStifter gekommen und dafür lief der Mediaplayer nicht. Ich hab’s mehrfach probiert, war leider nichts zu machen.

    Dass Teil 1- 3 den bekannten Text bilden, den Helmut bereits aufgenommen hat, weisst Du ja. Dieser Text sollte auf jeden Fall gesendet werden.

    Teil 4 -8 stellen den neuen Textausschnitt dar, den Du ja als Abschluss wolltest (23:50 – 24:00 Uhr). Falls dieser Abschluss rausfällt, dann nur Teil 1-3, natürlich am Stück, senden.

    Klar ist natürlich, dass meine Ansagen wie „Monika Fortsetzung“ usw. raus müssen. Leider gibt es zwischen Teil 2 + 3 eine kleinen Bruch, weil ich die Textstelle, an der der AB abgebrochen hat, nicht entsprechend wiederholt habe.

    Der letzte Satz von Teil 5 ist ebenfalls abgebrochen, wurde aber am Anfang von Teil 6 wiederholt, so dass Du ihn am Ende von Teil 5 rausschneiden kannst. Teil 6 + 7 enthalten auch ein Knacken, von dem ich nicht weiß, woher es kommt.

    Falls nötig, könnte ich den Text morgen abend nochmal sprechen, aber dann wäre es gut, der AB würde länger laufen.

    Ich bin morgen Nachmittag im Laden zu erreichen. Tel: 13497860

    Noch einen schönen Abend

    Monika

  2. Gut, Monika, das ist also alles etwas komplizierter. Wenn ich zusammenstückeln muss, dann müssen wir es vielleicht per normalem Mikro bei Dir im Laden aufnehmen. Ich versuche gegen 18.30 Uhr in der Wagnerstraße zu sein. Dann nehmen wir es am Stück auf. Deine Stimme gefällt mir und Du liest ja auch ganz gut.

    Gruß