Kultur für Menschen mit Demenz (Hans Schlecht)

Wir machen in Kultur; so könnte unser nächster Beitrag lauten –
oder seriöser formuliert:

Kultur für Menschen mit Demenz – Hilfe gegen das Vergessen – macht das Sinn?

„Was für ein lausiger Film“, sagt der Mann zu seiner Frau und erhebt sich von seinem Platz. „Lass uns gehen.“ Seine Gattin aber antwortet, dass das unmöglich ist, macht keine Anstalten aufzustehen – und hat Recht. Das Paar sitzt nicht im Kino, sondern im Flugzeug. Sie sind auf dem Weg von New York nach Amsterdam, unter ihnen erstreckt sich der Atlantik, der Film ist ein In-Flight-Entertainment, man kann nicht einfach gehen. Und dass der Mann trotzdem den Weg nach draußen sucht, ist kein Scherz, sondern bitterer Ernst und eine fast alltägliche Situation im Leben des Künstlers Willem de Kooning und seiner Frau Elaine.
Seine Diagnose Alzheimer begleitete sein künstlerisches Schaffen
im Alter.

Mehr als 1.2 Millionen Menschen mit Demenz leben in Deutschland, 6.500 allein in Stuttgart und diese Zahl wird voraussichtlich mit dem Anstieg des Durchschnittsalters steigen. Da keine Heilungschancen in Sicht sind, wenden sich die Betreuenden jetzt in zunehmendem Maße an die Kultur, als Möglichkeit auch den Alltag besser in den Griff zu bekommen und damit die Lebensqualität zu verbessern.

Langsam, Schritt für Schritt verändert sich das Denken der
Menschen mit Demenz. Und in der Gesellschaft?

Spiegel online meldete am 10.August 2008:
Lange Zeit galt der Verstand als höchste Errungenschaft
des Menschen, Gefühle dagegen wurden als dumm und
unzuverlässig abgetan. Mittlerweile wissen Hirnforscher,
dass Emotionen ihre eigene Intelligenz haben und
überlebenswichtig sind.

Die Initiative „RosenResli“- Kultur für Menschen mit Demenz, entwickelte ein für Deutschland neuartiges Projekt für mehr Lebensqualität für Menschen mit Demenz. Geholfen wird hier allen Betroffenen (auch deren Angehörigen) ihr Leben in Würde zu leben, sowohl in Heimen, Wohngruppen oder in der Familie.

„RosenResli“ schöpft bestehende kulturelle Ressourcen in der Kulturlandschaft und unterstützt engagierte Partner der Wohlfahrtsverbände, die Träger der Pflegeheime und die Kirchen.

„RosenResli“ organisiert und konzipiert dazu ein Programm: Museum, Theater, Konzert, Oper, Ballett,Gottesdienste, Lesungen und Sinnesgarten/Haus des Waldes werden von Menschen mit Demenz, dank fürsorglicher Begleitung, besucht.

Kultur für Menschen mit Demenz – macht das Sinn ?
Haben die Besucher doch schon nach dem verlassen des Museums oder Theaters wieder alles vergessen.
Neben der positiven Auswirkung auf die Stimmung , die manchmal für Stunden oder Tage anhält, zeigen die Führungen, dass die Demenz, welche oftmals die Fähigkeiten der Betroffenen so vielfältig einschränkt, manchmal auch tiefliegende Fähigkeiten, wie Deutungs- und Ausdrucksvermögen, die bis dahin verborgen waren aktivieren kann und wieder lebendig werden lässt.
Wenn Sie diese Menschen dort wo sie leben an einem ganz gewöhnlichen Tag getroffen hätten, hätten Sie sie wohl lange nicht so überzeugt und ausdruckssicher erlebt, wie jetzt im Museum.
Demenz raubt keine Erinnerungen, unsere Erinnerungen sind alle gespeichert. Demenz betrifft nur jenen Teil des Gehirns, der auf Erinnerungen zugreift; es ist, als ob man die Erinnerungen in einen
Tresor gesteckt hat und dann den Schlüssel verloren hat. Die Emotionen jedoch sind immer da.

Immer öfter machen sich die Bewohner der Hausgemeinschaft
St. Vinzenz auf den Weg. Sie verlassen gemeinsam das Haus
Veronika und machen in Kultur. Mit der U-Bahn ins Museum,
Theater, Varieté, in die Kirche zum Gottesdienst, in den
Sinnesgarten und noch mehr. Für Menschen mit Demenz ist
das eine Fahrt ins Blaue, ein Abenteuer, denn Sie wissen nicht
was Sie tun und erwartet.

Erstmal am Ziel angekommen ist die Freude groß, denn
jetzt ist viel Zeit für Erinnerungen, Poesie, Melancholie,
Gesprächen, mit Worten oder „Händen und Füßen“ und
viel Emotionen.

Und wenn die „sprachlosen“ Menschen, die den „Verstand“ verloren haben, beim Kontakt mit der Kultur sehr emotional wieder ins Gespräch kommen, dann sind die Menschen glücklich angekommen.

Hans-Robert Schlecht
für die Gruppe RosenResli – Kultur für Menschen mit Demenz
und den
Kooperationspartnern:
Kunstmuseum
Staatsgalerie
Kunstverein BW
Porsche Museum
Mercedes Museum
Staatheater Stuttgart: Oper
Dein Theater
Wortkino the set:
Film-Theater Friedrichsbau Varieté
RSO Radiosinfonieorchster
Stuttgarter Philharmoniker
Konzertagentur SKS Russ
VHS Sinnesgarten Bundesgartenschau
Haus des Waldes

7.04.2010